Biodiversität: Dem Weltnaturabkommen droht die Pleite
Vor vier Jahren hatten die Staaten ehrgeizige Ziele zum Schutz der Natur vereinbart. Auf der UN-Biodiversitätskonferenz in Eriwan ist nun ein Kraftakt nötig, damit diese noch erreicht werden.
Wenn die Ausgaben eines Unternehmens auf Dauer höher sind als die Einnahmen, droht die Insolvenz. Mit der Natur ist es ähnlich: Wenn wir unsere natürlichen Ressourcen wie Böden, Wälder, Wasser, Tier- und Pflanzenbestände weiterhin übermäßig beanspruchen, setzen wir unsere Lebens- und Wirtschaftsgrundlagen aufs Spiel. Die Staatengemeinschaft hat glücklicherweise erkannt, wie riskant das wäre. Vor vier Jahren verständigten sich nahezu alle Länder auf ein ehrgeiziges Abkommen zum Schutz der Artenvielfalt, der Ökosysteme und der genetischen Vielfalt. Die Verhandler in Montreal konnten die erfolgreiche Einigung selbst kaum fassen. „Historisch“, jubelten die Vereinten Nationen. „Wir schreiben Geschichte“, frohlockte die Europäische Union. Gastgeber Kanada feierte das Abkommen als „Paris-Moment der Biodiversität“. Die Anknüpfung an das Pariser Klimaschutzabkommen zeigt aber auch, wo die Krux liegt: Beschließen kann man viel. Entscheidend ist, ob die Regierenden dann auch den Willen und die Kraft haben, das Vereinbarte umzusetzen. Der erste globale Test für das Weltnaturabkommen ist die Halbzeitbilanz, zu der die Staatengemeinschaft jetzt in der armenischen Hauptstadt Eriwan zusammenkommt. Die Weltgemeinschaft ist nicht auf Kurs Auf der 17. Weltbiodiversitätskonferenz (COP 17) wird sich zeigen, wie ernst es den Regierenden damit ist, den Verlust von Ökosystem und biologischer Vielfalt bis 2030 zu stoppen und umzukehren. In Montreal hatte man sich auf einen ehrgeizigen Fahrplan mit knapp zwei Dutzend Zielen verständigt. Das prominenteste ist das 30-mal-30-Ziel: Bis 2030 sollen 30 Prozent der globalen Land- und Meeresfläche wirksam geschützt werden. Doch die Zwischenbilanz der UN ist alarmierend: Nicht nur dieses Schlüsselziel droht verfehlt zu werden. Die Weltgemeinschaft ist insgesamt nicht auf Kurs, um die Naturzerstörung aufzuhalten. Auch Deutschland hinkt hinterher. In Eriwan stehen die Verhandler deshalb vor einer Herkulesaufgabe: Die Staaten müssen ihre Anstrengungen für den Schutz der natürlichen Ressourcen deutlich ausweiten und beschleunigen – und das in Zeiten der Mehrfachkrisen. Aber wer jetzt verzagt oder abwiegelt, bürdet den kommenden Generationen die immer weiter steigenden Lasten und Kosten der ökologischen Krise auf. Genau davor hat das Bundesverfassungsgericht mit Blick auf die Folgen des Klimawandels gewarnt. Leider ist Naturschutz noch komplizierter. Es gibt nicht den einen Hebel wie die Minderung der Treibhausgase. Die 30-Prozent-Marke für die Ausweisung von Schutzgebieten ist nur ein Baustein. Mangelnde Beteiligung des Privatsektors Mehr Schutzflächen würden helfen, Ökosysteme widerstandsfähiger zu machen und „Dienstleistungen“ der Natur wie die Bestäubung von Pflanzen, Wasservorräte und Klimaregulation besser abzusichern. Aber das reicht nicht. Die größte Herausforderung bleibt der Übergang zu einer naturverträglichen Wirtschaft und Landwirtschaft. Wie weit wir davon entfernt sind, lässt sich auch an unserer Alltagssprache ablesen. Die „Klimawende“ gehört dazu, die „Naturwende“ nicht. Im UN-Zwischenbericht zum Weltnaturabkommen sieht es überall da besonders düster aus, wo es um Geld geht. Besonders wertvolle Teile des Naturkapitals sind die Regenwälder in den Ländern des Globalen Südens. Aber auch die Industriestaaten sind auf den Artenreichtum der Regenwälder und ihre Funktion als Kohlenstoffspeicher im Kampf gegen den Klimawandel angewiesen. Auf vergangenen Konferenzen wurden zwar neue Geldtöpfe zur Unterstützung des Globalen Südens geschaffen – aber es mangelt an ausreichender Zahlungsbereitschaft. Der Privatsektor beteiligt sich nur zu einem Bruchteil. Das müsste sich ändern, hängt doch die Hälfte der wirtschaftlichen Tätigkeiten auf der Welt von natürlichen Ressourcen oder Leistungen der Natur ab. Ein gravierendes Problem ist: Mit Naturschutz lässt sich bislang nur sehr schwer Geld verdienen. Ein Hebel für ein schonenderes Wirtschaften wäre eine Trendwende in der Subventionspolitik. In Montreal hatten die Staaten vereinbart, die globalen naturschädlichen Fördermittel bis 2030 jährlich um mindestens 500 Milliarden Dollar zu verringern. Aber bislang ist so wenig passiert, dass dieses Ziel kaum noch zu erreichen ist. In Eriwan stellt sich die Grundsatzfrage, wie glaubwürdig die internationale Naturschutzpolitik noch ist. Die übermäßige Inanspruchnahme des Naturkapitals gefährdet Wohlstand und menschliches Wohlergehen. Noch ist es nicht zu spät, die Pleite des Weltnaturabkommens mit einem Kraftakt abzuwenden.
Quelle: FAZ ›
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