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Buchfestival in Paris: Wird Netflix zum Schutzengel der Literatur?

Netflix feiert in Paris sein erstes „Book Festival“. 20 Prozent aller Streams des Unternehmens seien mittlerweile literarische Verfilmungen. Man setzt auf Lesegenuss in einer von den Unruhen erschütterten Stadt.

Buchfestival in Paris: Wird Netflix zum Schutzengel der Literatur?

Sie habe sich letztlich entscheiden müssen, ob sie zum Festival fahre oder an den Protesten gegen die Regierung teilnehme, erzählt eine junge Frau. Sie ist nicht die Einzige, die sich am Nachmittag des 17. Oktober für das „Ground Control“ – ein ehemaliges Industriegebäude am Gare de Lyon, zur hippen Event-Location umgebaut – entschieden hat. Hier ist die Stimmung gut: Kinder spielen, Familienväter trinken Bier und junge Frauen Cocktails. Weit weg von der Place de la République übt sich das andere Paris in bourgeoiser Gelassenheit. Es sind Bücher und Filme, die überwiegend junge Frauen hierher ins zwölfte Arrondissement locken. Dass Leinwand und Lektüre auf diesem Festival zusammenfinden, liegt an einem ungewöhnlichen Veranstalter: Der Streamingdienst Netflix feiert an diesem Wochenende in Paris sein erstes „Netflix Book Festival“. Auf der anderen Seite des Atlantiks hat Netflix erst vor wenigen Tagen seine Content-Chefin Bela Bajaria entlassen. Die Zahlen stagnieren, der größte Stellenabbau in der Geschichte des Unternehmens stehe bevor, heißt es, und Grund dafür sei unter anderem die Qualität des Programms. In Paris herrscht dagegen heile Welt. Das Buchfestival ist eigentlich ein Promo-Event, das zahlreiche Eigenproduktionen zelebriert. Für die Fans der Erfolgsserien „Bridgerton“ und „Lupin“ oder des Gruselfilms „Frankenstein“ gibt es Fotoecken, es laufen Trailer von „Asterix & Obelix“, und Werbematerial wird verteilt. Netflix inszeniert sich als Steigbügelhalter des Lesens Plausibel ist dieser Aufwand allemal. Unter der Aufsicht der geschassten Content-Chefin Bajaria wurden Literaturverfilmungen wie diese zu einem wesentlichen Bestandteil des Netflix-Angebots. Fast 20 Prozent der Streams, neun Milliarden Aufrufe insgesamt, macht die Kategorie „Netflix Books“ heute aus: Literaturverfilmungen im weiteren Sinne. Das ist eine Geschäftsentwicklung, auf die man stolz ist bei dem amerikanischen Konzern und die es ihm zugleich ermöglicht, sich als Patron der kriselnden Buchindustrie aufzuspielen. Im Gespräch zitiert eine Pressesprecherin des Unternehmens eine selbst in Auftrag gegebene Studie, wonach eine Netflix-Adaption die Buchverkäufe der Vorlage merklich ankurbele. Schon heute würden Verlage ihre Bücher mit dem Sticker „Zu sehen auf Netflix“ bewerben. Deswegen sei die Veranstaltung in Paris auch kein reines Buchfestival, sondern ein Event, das die „fruchtbaren Verbindungen zwischen Büchern und Netflix feiert“. Diese Symbiose wird in Form einer temporären Bibliothek greifbar, die mit Unterstützung des Centre national du livre – das in diesem Jahr sein achtzigjähriges Bestehen zelebriert – und zahlreicher Verlage Hunderte Buchtitel vereint. Mangas, neumodische Romanzen oder Klassiker von Jane Austen oder Mary Shelley: Wer zum Lesen gekommen ist, hat viel zu blättern. Literatur als Safe Space, das kommt heute gut an Doch so richtig euphorisch scheinen die Besucher vor allem beim Begleitprogramm zu werden. Niemanden scheint zu stören, dass das „Book Festival“ das französische Publikum mit weiteren Anglizismen behelligt: Neben einem „Drag Quiz“ soll ein „Book Club“ der bekannten Influencerin Camélia El Badia dem jungen Publikum Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ schmackhaft machen. In einem Zeichenworkshop lernt man, Mangas anzufertigen, und in einer Lesung werden Kinderbuch-Auszüge von Roald Dahl vorgetragen. Ein Schwerpunkt sind Liebesromane, die als Verfilmungen gut funktionieren. Während die Republik zur selben Zeit überall von Gewalt erschüttert wird, diskutieren eine Soziologin, eine Journalistin und die Influencerin über ihren ganz persönlichen „Safe Space“: Dark-Romance-Romane. Die seien nicht nur ein „guilty pleasure“, sondern auch eine emanzipatorische Art, Träume und Traumata zu verarbeiten. Ob nicht schon Gustave Flaubert in „Madame Bovary“ jene Liebe zu kitschigen Romanen beschrieben habe, fragt die Moderatorin. Die Soziologin aber winkt lächelnd ab, ein Mann des neunzehnten Jahrhunderts könne das nicht nachempfinden. Und so drängt sich am Ende die Frage auf, ob Netflix durch seine Verfilmungen wirklich zum Schutzengel der Literatur oder doch nur zum Katalysator eines speziellen romantisch verwertbaren Stoffes wird. Das Centre national du livre gibt sich auf Nachfrage optimistisch: Die Adaptionen literarischer Vorlagen seien „eine Chance für das Lesen, da sie das Publikum an die Bücher heranführen“. Vielleicht taugt Netflix auf diese Weise ausgerechnet zum Retter in der Not für das jüngst so scharf angegangene französische Schulsystem? Wer mit kitschigen Romanen beginnt, könnte später im Unterricht umso empfänglicher für Flaubert, Honoré de Balzac oder Victor Hugo sein. Über gescheiterte Revolutionen haben schließlich sie alle geschrieben.

Quelle: FAZ ›

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