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Der FIlm „Tenzing“: Diesmal ist Hillary am Mount Everest der Begleiter

1953 galt Tenzing Norgay der „Daily Mail“ nur als Hillarys „Begleiter“, dabei war er schon sechsmal auf dem Everest gewesen. Jennifer Peedoms Film zeigt ihn als Außenseiter zwischen britischen Eroberern und skeptischen Sherpas.

Der FIlm „Tenzing“: Diesmal ist Hillary am Mount Everest der Begleiter

Das opulente Abenteuerdrama „Tenzing“ beschreibt die Erstbesteigung des Mount Everest erstmals aus der Perspektive des nepalesisch-indischen Bergsteigers Tenzing Norgay. Ein kleines Wunder, dass diese Geschichte erst jetzt erzählt wird – wenn auch von einer westlichen Regisseurin, der Australierin Jennifer Peedom. Sie ist der Gemeinde der Sherpas seit mehr als zwanzig Jahren verbunden und genießt dort unter anderem dank ihrer Doku „Sherpa“ von 2014, die die zunehmend kommerzialisierten Everest-Expeditionen aus der Sicht der Sherpas ins Auge fasst und noch immer in den Teehäusern von Kathmandu läuft, Vertrauen. Tenzings Sohn Norbu selbst bat sie, die Geschichte seines Vaters zu inszenieren. Tenzing Norgay gehörte der britischen Expedition unter der Leitung von John Hunt an, die 1953 die Erstbesteigung des höchsten Bergs der Welt anstrebte. Am 29. Mai erreichten Tenzing und der neuseeländische Bergsteiger Edmund Hillary den Everest-Gipfel, rechtzeitig zur Krönung von Königin Elisabeth II. „Everest is conquered“ titelte die „Daily Mail“ mit einem Stück über „den Mann, der es geschafft hat“ – Tenzing trat in der Berichterstattung nur als sein „Begleiter“ in Erscheinung. Tenzing hatte mehr Everest-Erfahrung als jeder andere In Peedoms Film indes überlässt der Superstar Tom Hiddleston als Edmund Hillary mit bemerkenswerter Zurückhaltung dem tibetischen Schauspieler Genden Phuntsok die Bühne; der trägt den Film mit seinem warmen Lächeln und unbeirrter Geradlinigkeit mühelos. Tenzing hatte weit mehr Everest-Erfahrung als jeder andere in Hunts Team. Sechsmal war er schon auf dem Berg gewesen, auch mit der Schweizer Expedition, die es im Jahr zuvor bis auf 250 Meter unterhalb des Gipfels geschafft hatte. Und doch musste Tenzing hart darum kämpfen, als vollberechtigtes Expeditionsmitglied und nicht nur als Träger zu rangieren. Peedoms Film geht über die bloße Ausstellung des Kolonialherren-Rassismus hinaus, den ein weniger neugieriger Regisseur vielleicht zum Dreh- und Angelpunkt gemacht hätte. Der große Reiz von „Tenzing“ ist, dass er die innige Verbindung der Sherpas zur Bergwelt mit der britischen Eroberer-Attitüde kontrastiert. „Sie sehen den Berg als Feind“, sagt Tenzing über die Briten, die den nach dem Landvermesser Sir George Everest benannten Gipfel schamlos als „ihren“ Berg wahrnehmen. „Wir dagegen sehen uns selbst in ihm.“ Für die Sherpas ist der Berg, den sie Chomolungma nennen, beseelt, eine Gottheit, der Respekt gezollt werden muss, um nicht ihren Unwillen zu wecken. Nicht das „Bezwingen“ des Bergs steht im Vordergrund, sondern ein Stelldichein mit der Muttergöttin, in deren Schoß es zu klettern gilt, um ihr in all ihrer Erhabenheit zu begegnen. Zahlreiche Rückblicke blättern Tenzings Kindheit und Jugend auf, die auf ganz andere Weise als die Welt der westlichen Kletterer vom Everest geprägt sind. Schon als kleiner Junge beim Yakhüten blickt er auf den majestätischen Berg, und in einer schönen Szene probiert er die Stiefel von George Mallory an, der 1924 bei einem Erstbesteigungsversuch ums Leben kam. Der Film scheut vor Komplikationen nicht zurück. Tenzing ist selbst ein Außenseiter. Er gehört einer niedrigeren Kaste als seine Ehefrau an, und er ist anderer ethnischer Herkunft als die Sherpas; sie sind entrüstet, dass sie ihn als Führer akzeptieren müssen. Auch sein Expeditionsrang stößt ihnen sauer auf. „Er meint, einer von ihnen zu sein“, ätzt Pasang (Tenzin Jigmey), der seine Skepsis gegenüber den Briten und Norgay kaum verbirgt. „Wir werden fürs Tragen bezahlt, und sie können sich als Helden aufspielen.“ Visuell ist der teils am Mount Everest, teils in den Alpen Neuseelands gedrehte Film ähnlich berauschend wie Peedoms Gebirgsode „Mountain“ von 2017, erneut huldigt sie den Bergen mit hinreißender Bildgewalt. 2006 war Peedom selbst im Rahmen einer Discovery-Channel-Dokumentation im Everest-Camp vier auf 8400 Metern, und sie macht keine Umschweife um die Gefahren und die Härten der Expedition. Die Anstrengung, in der dünnen Luft acht Kilometer über dem Meeresspiegel überhaupt voranzukommen, scheint ebenso körperlich spürbar wie die klirrende Kälte und der schneidende Wind in einer Höhe, in der Menschen nur kurz überleben können. Ein krönender Moment von „Tenzing“ ist natürlich der Gipfelsturm. Aber es gibt noch andere Höhepunkte. Einer davon ist eine (zumindest halb verbürgte) Szene, in der Peedom das Herz ihrer Story amüsant zuspitzt: Da werden die Sherpas auf dem Gelände der britischen Botschaft in Kathmandu versammelt und dafür gemaßregelt, dass sie ins Gebüsch des weitläufigen Gartens urinieren. Aber die Übersetzung von Tenzing Norgay unterläuft den Tadel des Expeditionsleiters John Hunt (Willem Dafoe) – die Briten entschuldigten sich für die Unhöflichkeit, die Männer in den Ställen übernachten zu lassen, sagt Tenzing ihnen; sie gelobten, die Sherpas künftig mit mehr Respekt zu behandeln. Tenzing läuft bei Apple TV.

Quelle: FAZ ›

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