Die Wissenschaftlerin: Amelie Reigl züchtet Haut und kennt den Schlüssel zu all unseren Problemen
Amelie Reigl ist Gründerin und CEO des Würzburger Biotech-Startups "TigersharkScience". Das Unternehmen entwickelt in-vitro-Hautmodelle als Alternative zu Tierversuchen und stellt damit humanrelevante Testverfahren für die Kosmetik-, Pharma- und Chemiebranche bereit. ntv.de wollte wissen, was genau sie in ihrem Labor macht.
Amelie Reigl ist Gründerin und CEO des Würzburger Biotech-Startups "TigersharkScience". Das Unternehmen entwickelt in-vitro-Hautmodelle als Alternative zu Tierversuchen und stellt damit humanrelevante Testverfahren für die Kosmetik-, Pharma- und Chemiebranche bereit. ntv.de wollte wissen, was genau sie in ihrem Labor macht.
Unter dem Namen "@diewissenschaftlerin" engagiert sich die Gründerin und CEO des Würzburger Biotech-Startups "TigerShark Science", Amelie Reigl, für Wissenschaftskommunikation und erreicht über Social Media mehr als 400.000 Menschen. Eine beachtliche Zahl. Wenn man Amelie Reigl jedoch zuhört, dann findet man vieles plötzlich sehr viel interessanter. "Wir wollen euch mit auf unsere Reise und in unser Labor nehmen, denn Wissenschaft geht uns alle an! Wissenschaft darf nicht im Elfenbeinturm stattfinden, sie gehört in die Mitte der Gesellschaft", postet sie auf Instagram, und ja, man klickt drauf.
Reigl erklärt: "Wir züchten menschliche Haut im Labor, um Tierversuche zu reduzieren. Und eine bessere Forschung für die Pharma- und Kosmetikindustrie zu ermöglichen." Sie sagt das so, als wäre es das Normalste der Welt. Für sie ist es das auch: "Wir haben unterschiedliche Hautmodelle im Labor, und können darauf dann die Testungen durchführen. Cremes und Medikamente können wir zusammen mit den Unternehmen dadurch schneller entwickeln und auch die Tierversuche reduzieren."
Sie brennt für ihr Thema, so viel ist klar. Mit ihrem "TigerShark Sciences"-Team arbeitet sie aber nicht nur an der Reduzierung von Tierversuchen, sondern will die gezüchtete menschliche Haut möglichst multipel einsetzen. "Wir arbeiten mit Hochdruck, denn wir möchten Hauttransplantate auch für Therapien ermöglichen. Dafür brauchen wir aber noch eine Menge Studien, Zeit - sechs bis acht Jahre, bis es dann wirklich beim Patienten landen kann - und um die 20 Millionen." Sie ist zuversichtlich - im Einwerben von Fördermitteln ist Reigl bereits Profi.
Dass für das Produkt ihres Unternehmens ein großer Bedarf besteht, wurde spätestens bei der Brandkatastrophe in Crans-Montana Anfang dieses Jahres deutlich: Eine Woche nach der Brandkatastrophe in dem Schweizer Skiort hatten Zürcher Spitäler von einem Lieferanten 9,3 Quadratmeter Spenderhaut für Brandopfer erhalten - die Haut von toten Spendern.
Spenderhaut wird in solchen Fällen als temporärer Hautersatz eingesetzt, um die Wunden schwer Brandverletzter zu schützen, Infektionen zu verhindern und die Heilung zu unterstützen, bis das Einsetzen körpereigener Haut möglich ist. Künstlich gezüchtete Spenderhaut könnte den Bedarf künftig verringern - sofern sich entsprechende Transplantate sicher und in großem Maßstab herstellen lassen.
Aber wie entsteht gezüchtete menschliche Haut? "TigersharkSciences" arbeitet mit menschlichen Stammzellen der Europäischen Stammzellenbank. "Die kann man dort tatsächlich kaufen", so Reigl, "das heißt, wir kaufen unterschiedliche Altersgruppen, Geschlechter und unterschiedliche Hauttypen."
Normalerweise wird in der Pharmaindustrie an einem männlichen, weißen Hautmodell geforscht, "wir haben aber auch weibliche Hautmodelle", betont sie. Bei Stammzellen steht jedoch immer die Frage im Raum: Darf man das überhaupt? "Wir nutzen keine embryonalen Stammzellen, sondern induzierte pluripotente Stammzellen", erklärt sie ntv.de.
Für diese Technik gab es bereits 2012 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin. "Die Forscher hatten entdeckt, dass man reife, spezialisierte Körperzellen aus jeglicher Zelle des Körpers entnehmen und zu einer Stammzelle zurückprogrammieren kann", so Reigl. Diese Stammzelle hat die Eigenschaft, dass sie sich dann wieder in Körperzellen entwickeln lassen kann: "Das heißt, wir nehmen die Stammzelle, machen daraus Hautzellen und können unser Hautmodell aufbauen."
Klingt ein bisschen wie "Mein erster Chemiebaukasten", ist aber weit mehr: "Meine allererste Vorlesung in Würzburg hat mein späterer Doktorvater Prof. Dr. Florian Groeber-Becker gehalten. Er hat darüber gesprochen, dass es Hautmodelle gibt, die man im Labor züchten kann." Das waren noch sehr einfache Hautmodelle, aber Amelie Reigl wusste in diesem Moment, dass sie etwas in der Richtung machen möchte. Ihre Master- und auch Doktorarbeit hat sie daraufhin bei ihrem allerersten Professor geschrieben.
"Und letztendlich haben wir dann sogar zusammen mit Dr. Dieter Groneberg ausgegründet. Ich habe neben meiner Doktorarbeit an der Universität Würzburg die Hautmodelle am Fraunhofer-Institut, die es bereits in einfacher Form gibt, weiterentwickelt, sodass sie viel realistischer sind, also unserer menschlichen Haut immer ähnlicher wurden."
Reigl ist sehr aktiv in den sozialen Medien, will ihren Followern die Wissenschaft möglichst einfach näherbringen. Sie postet aber auch: "Andere heiraten und bauen ein Haus in meinem Alter, ich habe mein eigenes Labor."
Muss man sich als junge Frau heute noch immer für das eine oder andere entscheiden? Das glaubt sie keinesfalls: "Ich habe mit Wissenschaftskommunikation auf Social Media angefangen, weil mir die Infos in dem Bereich gefehlt haben. Man findet alles - Schminktipps, Kinoempfehlungen, Rezepte, aber nichts zu den wissenschaftlichen Phänomenen, die uns umgeben. Und oft wurde ich gefragt, wie der Alltag einer Wissenschaftlerin ist, ich bin ja nicht nur ein Nerd", sagt sie lachend. "Ich benutze Lippenstift und mag es, mich gut anzuziehen, ich geh' ins Fitnessstudio und habe auch noch andere Interessen als meine Forschungen."
Reigl will zeigen, dass man auch in der Wissenschaft Spaß haben kann. Sie hält es aber auch für wichtig, zu den Themen Karriere, Familie und deren Vereinbarkeit Stellung zu nehmen. "Ich denke, in der Wissenschaft ist es, genauso wie in allen anderen Bereichen, immer noch schwieriger für Frauen. Im Studium waren 60 Prozent weibliche Studierende. Aber nicht alle sind zur Promotion gekommen. Von den Männern alle. Ich glaube dennoch daran, dass beides geht, denn das sehe ich bei zwei meiner Mentorinnen, P…
Quelle: n-tv ›
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