Entertainer ohne Auto: Wie Harald Schmidt in die Vernunft fiel
Kein Jaguar mehr für Harald Schmidt: Der Entertainer schenkte sein Auto einem Bastler und hängt sein Erweckungserlebnis an die große Glocke. Vor falscher Anhänglichkeit sei gewarnt!
Der Deutschen Presse-Agentur in Köln teilt Harald Schmidt mit, dass er seinen Jaguar einem Autobastler geschenkt habe. Ganz unabhängig davon, was an dieser Vermeldung der agenturfähige Nachrichtenwert sein mag – die Kollegen von dpa Köln kennen sich aus mit dem Geschäft des Einordnens von news –, also ganz unabhängig davon und ohne hier tiefer schürfen zu wollen, ist der Vorfall doch aufschlussreich für die verallgemeinerungsfähige Frage, wann, unter welchen Umständen der Mensch so weit ist, dass er zur Vernunft kommt. Rekapitulieren wir kurz die Ratio Schmidts, seinen Achtzylinder-Verbrenner abzustoßen, an dem er bislang als seinem „Traum“ festgehalten hatte. Das nachrichtlich überlieferte Argument lautet: „Ich hab den einem Bastler geschenkt, weil der war nicht mehr durch den TÜV zu kriegen. Ich hätte das noch mal finanziert, aber es gingen jetzt so die Zipperlein los.“ Oldtimer-Besitzer wissen, wovon bei Zipperlein die Rede ist: Eine Verschleißorgie hat eingesetzt, bei der ein Teil nach dem anderen reparaturbedürftig geworden ist oder direkt ersetzt werden muss, das Ganze oft schleichend, ohne dass man sich den ruinösen Vorgang als Kontinuum eingesteht. Nur „Liebhaber“ genannte Unbeirrbare setzen an dieser Stelle den Weg in die Unvernunft fort, horrende Investitionen als Lebensfreude verbuchend. Doch derart libidinös besetzt war der Jaguar für seinen Besitzer dann offenbar nicht, bei Schmidt obsiegte das fiskalische Kalkül. Die nächste Patinakarre im Blick? Wo geht’s für ihn nun weiter? Ist die nächste Patinakarre aus dem Luxussegment schon im Blick? Schmidt: „Ich brauch kein Auto mehr, ich hab kein Auto mehr.“ Er komme ohne Privat-Pkw aus. Schon immer sei er viel mit der Bahn gefahren, innerstädtisch nutze er Bus und Straßenbahn. Mit anderen Worten: Schmidt gingen, den nächsten TÜV im Blick, die Augen für ein Fass ohne Boden auf, er betritt das Reich der Vernunft als ein Reich der Freiheit von falscher Anhänglichkeit. Der Resonanz-Theoretiker Hartmut Rosa gibt bei so etwas zu bedenken, Vernunft sei, um ihr zu folgen, auf energetische Bereitschaften angewiesen, die sich wiederum auf eigentümlich subjektlosen Wegen entfalten. Es gehe da weniger um eine Handlung als um etwas, das einem zwischen aktiv und passiv geschieht, wie im Falle des Sich-Verliebens. Schmidt fiel demnach in die Vernunft, wie man von jemandem sagt: He fell in love. Einsicht stellt sich, versteht man Rosa recht, als ein Phänomen zirkulierender sozialer Energie heraus, das den Entertainer, nun weise für immer, sagen lässt: Es ist genug. Da möchte jemand nicht als Liebhaber in die Apokalypse der Autogeschichte eingehen, und dieses energetische Moment steckt an: Wenn einer wie Harald Schmidt, der ja doch in allem den Bogen raus hat, nicht mehr Auto fährt – warum will nicht auch ich vernünftig werden?
Quelle: FAZ ›
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