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Expertin über Film "Whalefall": Kann man im Magen eines Pottwals überleben?

Verschluckt und gefangen im Bauch eines Pottwals – mit nur wenig Atemluft in der Tauchflasche. Wie real ist dieser klaustrophobische Plot? Lisa Klemens vom Deutschen Meeresmuseum hat schon unzählige Walmägen obduziert und kennt die Unterschiede zwischen Realität und Kinokunst genau.

Expertin über Film "Whalefall": Kann man im Magen eines Pottwals überleben?

Verschluckt und gefangen im Bauch eines Pottwals - mit nur wenig Atemluft in der Tauchflasche. Wie real ist dieser klaustrophobische Plot? Lisa Klemens vom Deutschen Meeresmuseum hat schon unzählige Walmägen obduziert und kennt die Unterschiede zwischen Realität und Kinokunst genau.

Der Film: "Whalefall" basiert auf dem gleichnamigen Roman von Pulitzer-Preisträger Daniel Kraus und ist laut Verlag "ein wissenschaftlich exakter Thriller, der in einer absurd unwahrscheinlichen Umgebung spielt". Er erzählt vom jungen Jay Gardiner (im Film: Austin Abrams), der vor der kalifornischen Pazifikküste nach den Überresten seines ertrunkenen Vaters sucht. Beim Tauchen wird er aus Versehen von einem Pottwal verschluckt, zusammen mit einem Riesenkalmar, und versucht verzweifelt, sich aus dessen Magen zu befreien. Regisseur Brian Duffield engagierte für die Spezial- und visuellen Effekte Wētā Workshop aus Neuseeland und Visual Artist Guillaume Rocheron, der bereits zwei Oscars gewann (für "Life of Pi" von Ang Lee und "1917" von Sam Mendes).

Die Wal-Expertin: Meeresbiologin Lisa Klemens vom Deutschen Meeresmuseum Stralsund hat schon unzählige Wale obduziert, denn sie schreibt ihre Doktorarbeit über den Verdauungstrakt von Zahnwalen. Auch den Magen eines Pottwals, der auf den Kanaren tot angeschwemmt wurde, hat sie schon untersucht. Die Hollywood-Filmkulisse ist ihr im echten Leben also sehr vertraut - genau wie der Geruch von Walinnereien. Für den Reality-Check der Szenen unter Wasser hat sie sich vor Kinostart die Trailer und das Disney-Pressematerial angeschaut.

Frau Klemens, Sie promovieren über die Magenanatomie und Nahrungsanalysen von Zahnwalen. Haben Sie im Bauch eines Wals schon mal einen Menschen entdeckt?

Lisa Klemens: Noch nie - das kenne ich auch nur aus der biblischen Geschichte vom Propheten Jona und von Pinocchio! Wissenschaftlich wurde jedenfalls noch nie dokumentiert, dass ein Mensch im Magen eines wild lebenden Wals gelandet ist. Nicht mal ein menschlicher Körperteil.

Der Autor des Buches, Daniel Kraus, erzählte, das Video eines Kajakfahrers, der versehentlich von einem Buckelwal "verschluckt" wurde, habe ihn zu seiner Story inspiriert.

So ein Video habe ich auch mal gesehen und kann erklären, was vermutlich passiert ist: Buckelwale haben raffinierte Jagdstrategien für Heringsfische. Sie kesseln den Schwarm im Team in einen sogenannten Blasenring ein. Der Kajakfahrer ist da wahrscheinlich rein gepaddelt und ein Wal, der von unten mit Anlauf nach den Heringen an der Wasseroberfläche schnappen wollte, hat ihn dabei kurz erwischt - aber sicher nicht geschluckt. Wale sind sehr schlaue Tiere und die Schleimhäute in ihrem Maul sind sehr sensibel. Die würden sofort merken, iiih, das ist unerwünschter Beifang, und ihn wieder ausspucken. So war es auch bei dem Kajakfahrer.

Tauchen wir mal ein in die Filmszene vor der Küste Montereys, wo Jay auf den Pottwal trifft, der gerade einen Riesenkalmar jagt. Soweit realistisch?

Was wir da sehen, ist ein Kelpwald - in so einem Ökosystem mit großen Braunalgen schwimmen normalerweise keine Pottwale herum, da würden sie sich ja nur drin verfangen. Sie leben fernab der Küsten im offenen Meer, wo sie sehr tief abtauchen können. Auch der Riesenkalmar lebt in der dunklen Tiefsee, weit unter 300 Metern. Nur seine Larven findet man nahe der Meeresoberfläche. Ein Taucher wiederum kann mit der Ausrüstung, die Jay im Film hat, niemals in dessen Lebensraum vordringen. Dafür braucht es einen Tauchroboter.

Okay, dieses Setting ist also eher märchenhaft. Aber grundsätzlich jagen und fressen Pottwale Riesenkalmare?

Absolut! Ihre Nahrung besteht überwiegend aus Cephalopoden, also Kalmaren und Tintenfischen. Und beim Jagen können sie sehr schnell werden.

Sie orientieren sich mit Echosonar, das ist das Klicken, das man im Film hört.

Wale können sich aktiv dafür entscheiden, was für ein Klickgeräusch sie aussenden - ob für Menschen hörbar oder nicht. Wenn ihr Echosonar gegen etwas prallt, wird es zurückgesendet und sie empfangen diese Signale in ihrem Unterkiefer. Dieser wahnsinnig empfindliche Hohlkörper leitet sie weiter an die Gehörstruktur.

Er nimmt die Welt jedenfalls total anders wahr als wir Menschen! Er sieht schlecht, aber sein Sonar ist so feinfühlig, dass er jedes noch so kleine Objekt im Wasser "hört". Handelt es sich dabei nicht um Nahrung oder einen Artgenossen, würde er beim Schwimmen sofort abbiegen - und es käme nie zum Zusammenstoß mit einem Taucher wie im Film. Mein Kollege, unser Tauch-Einsatzleiter Henning May, meinte übrigens, dass sich Jay in dieser Szene bewegt wie bei einem Sturz an Land. Unter Wasser schlägt man nach einem Zusammenstoß nicht mehrmals auf dem Boden auf.

Ich vermute, diese Szene wurde digital nachgebaut. Wie gefällt Ihnen denn der eigentliche Hauptdarsteller: der Pottwal?

Von außen sehr gut. Die Haut mit den Narben wirkt richtig natürlich.

Hauptsächlich von Kämpfen mit anderen Männchen - und von Riesenkalmaren, die sich wehren, gefressen zu werden. Ihr Schnabel ist aus Chitin und sehr scharf. Der Walunterkiefer ist auch top: schmal, fast weiß, mit bis zu 50 großen, spitzen Zähne und breiten Lücken dazwischen; einer davon kann 20 Zentimeter lang und ein Kilo schwer werden! Sie nutzen ihre Zähne aber nicht zum Beißen, sondern um die weichen, glibbrigen Cephalopoden festzuhalten. Der Oberkiefer wiederum ist zahnlos. Klappt ein Pottwal seine Kiefer zu, kann die Beute nicht mehr entwischen.

Unser Taucher Jay verwickelt sich ja irgendwie in die Tentakel des Kalmars, wird mit ihm in den Schlund des Pottwals gezogen - und dann verschluckt.

Rein theoretisch könnte ein Mensch von der Größe her in das Maul eines Pottwals passen und ganz eventuell sogar durch die Speiseröhre rutschen; die Walmännchen werden ja bis zu 18 Meter lang, das Filmplakat zeigt die Größenverhältnisse realistisch. Es wurde in der Natur nur noch nie beobachtet. Und es gibt noch ein Problem: Jay hat ja auch Flossen und eine Pressluftflasche dabei. Diese hart…

Quelle: n-tv ›

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