Hanns Zischlers Roman: Auch die Schatten haben ihre Schatten
„Yumikos Paravent“, der zweite Roman von Hanns Zischler, erinnert mit seiner flächigen Ruhe an einen japanischen Holzschnitt. Es geht um die geheime Briefliebe zweier Menschen über Jahrzehnte und Kontinente hinweg.
Verschwommene Kindheitserinnerungen an Ferientage im Süden. Da saß man in der Mittagshitze vor dem Ventilator, versuchte wie vorgegeben zu lesen, aber wartete insgeheim doch nur auf eines: den Postboten. Mit seinem kleinen Motorroller fuhr er durch die Gassen und warf seine Sendungen durch den Briefschlitz in der Tür. Unvergessen das aufregende Geräusch, wenn der Schlitz quietschend aufgeschoben wurde und ein Brief oder eine Postkarte mit leisem Nachdruck auf den Steinboden fiel. Alle Erwartung, alle Möglichkeit verband man mit diesem Ton. Die Chance, etwas Neues oder Unerwartetes zu erfahren, bewegte und beglückte das kindliche Gemüt. Noch war es nicht von der Permanenz der Mitteilung abgestumpft, noch band kein ploppendes Display sein Bewusstsein, noch hielt die Aussicht auf den Empfang einer Nachricht seinen Geist wach und frei. Und dann, wenn eine Karte oder ein Brief aus der Ferne eintraf, dann ließ das Kind für den Moment alles andere beiseite und vertiefte sich in die Vorstellung, dass eine Nachricht einen sehr weiten Weg auf sich genommen hatte, um zu ihm zu kommen. Jedes Mal verband das Kind den Empfang der Post mit einem kleinen Ritual, begrüßte und ehrte das Stück beschriebenen Papiers wie einen entsandten Boten aus hoheitlicher Heimat. In Hanns Zischlers neuem Roman „Yumikos Paravent“ geht es wieder um Briefe. Nicht um „zerrissene“ (so der Titel seines 2020 erschienenen ersten Romans), sondern um heimlich zugestellte. Es geht um die thaumatische Dimension des Mediums, um die Behauptung, dass ein Brief mehr als nur Träger von Mitteilung ist, mehr als nur Informationen enthält. Es geht um die Frage, wie ein Leben sich aus Briefzeilen zusammensetzen lässt, ein Leben, das durch eine geheime Liebe in Erinnerung bleiben wird. „Ain’t no cure for love“, singt Leonard Cohen, und wenn das stimmt und es für die Liebe keine Heilung, sondern immer nur rücksichtslose Empfindung gibt, dann braucht das Leben ja Hilfe, um das zu bestehen. Und diese Hilfe leisten Worte, gesprochene, aber vor allem auch geschriebene. Zischlers Buch würdigt ihren lebensrettenden Einsatz. Eine Frau reüssiert in Japan Es ist ein Buch, das von der geheimen Liebe zwischen einer Frau und einem Mann erzählt, die sich Jahrzehnte lang über die Weltmeere hinweg Briefe schreiben und damit ihr Zusammensein trotz der Entfernung immer wieder aufs Neue beschwören. Als die Frau plötzlich stirbt, findet ihre Tochter die Briefe im Inneren einer unvollendeten Leinenjacke. Die Mutter war als Modemacherin wegen ihres japanischen Ehemanns aus Berlin nach Kobe gezogen, um dort ein legendäres Herrenmodenatelier zu eröffnen. Während ihr Mann als leitender Ingenieur eines Elektronikunternehmens arbeitet, kombiniert Johanna, so heißt die anmutige Herrenschneiderin, robuste Textilien mit traditionellen Stoffen. In Wahrheit aber verbringt sie die Tage in Gedanken an einen Mann, den sie im fernen Berlin zurückließ: einen Maler, der den slawisch-verwunschenen Namen Kusmín trägt. Alle Briefe tragen seinen Absender. Sie eröffnen der überraschten Tochter, die nach Japan gereist ist, um das Atelier auszuräumen, einen intimen Blick in das geheim gehaltene Innenleben ihrer Mutter. Durch das Lesen der zahllosen Zeilen offenbart sich ihr eine Dimension des Daseins der Mutter, die all ihre Berechnung über den Haufen wirft. Der erste Brief stammt aus dem Mai 1995, der letzte ist vom März 2018 – 23 Jahre haben sich die beiden Briefe geschrieben. Ob sie sich dazwischen je einmal wiedergesehen haben, bleibt unklar. Und doch, so erinnert sich eine Geschäftspartnerin, nahm Johannas Gesicht über all die Jahre nie einen gelösteren Ausdruck an, als wenn wieder ein Brief von Kusmín im Briefkasten lag. Eine unglaubliche Geschichte – eine Metapher für die Bindungskraft zweier Herzen. Über die Kontinente hinweg schreiben sie ihre eigene Lebensgeschichte, entwerfen ihr Bild, schneidern an ihrem gemeinsamen Gewand. Eine Geschichte, die von Hingabe und Hoffnung, Treue und Disziplin handelt. Ein uferloser Briefwechsel, ohne Ende, ohne Abschied, der, so erklärt es sich rückblickend die Tochter, versucht, „die unwiederbringliche Nähe fast schon verzweifelt wieder herbeizuschreiben“. Und etwas zu schaffen, was unschaffbar scheint: „gelingende Fernanwesenheit“. Es gibt eine Gedichtzeile, die diesen wundersam zarten Roman von Hanns Zischler im Innersten zusammenzuhalten scheint. Sie stammt vom englischen Aufklärungsdichter Charles Churchill und lautet: „Strange to relate, but wonderfully true, / that even shadows have their shadows too!“ Was es bedeutet, dass auch Schatten ihren eigenen Schatten haben, davon handelt dieses Buch. Nämlich vom Geheimen und Verborgenen, das sich selbst kopiert und dadurch immer weiter und weiter wirkt. Der Autor Zischler, den als Schauspieler alle Welt gerade in der Rolle von Thomas Mann im Film „Vaterland“ bewundert, schreibt selbst ganz anders. Nämlich vorsichtig, tastend, mit einer exquisiten Einbildungskraft, die sich in kurzen Sequenzen mehr schwebend andeutet als selbstsicher beweist. Zischlers zweiter Roman erinnert mit seiner flächigen Ruhe an einen japanischen Holzschnitt. Der Ton seiner Prosa ist anmutig achtsam, ohne zu viel zu erwarten, ohne zu viel zu erklären. Und dann eben doch hin und wieder einen Satz zu finden, der sich dem herzzerrissen Suchenden zur Stütze anbietet: „Wer sich verliebt, mit dem geht die Fantasie durch, der ist nicht zu retten.“ Es gibt keine Heilung für die Liebe – es gibt für sie nur die Hoffnung auf einen heilsamen Ausdruck. Hanns Zischler: „Yumikos Paravent“. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 176 S., geb., 23,– €.
Quelle: FAZ ›
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