Leo telefoniert mit Putin: Ein Anruf des Papstes und zwei Darstellungen
Erholt nach der Lungenoperation tritt Leo XIV. wieder ans Fenster. Zuvor warb er bei Wladimir Putin für eine Feuerpause in der ukrainischen Stadt Oleschky.
Leo XIV. wirkt nicht wie ein Krebspatient, als er am Sonntag am Fenster seines Arbeitszimmers im Apostolischen Palast erscheint. Er wirkt ausgeruht und kraftvoll. Applaus brandet auf. Der Papst lächelt, justiert sein Mikrofon und kommt dann gleich zur Sache, zum Evangelium nach Matthäus für diesen Sonntag. Es geht um das Verhältnis zu den Mächtigen dieser Welt: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“ Das Reich Gottes hebe menschliche Ämter und Verantwortlichkeiten nicht auf, sagt der Papst. Es erfordere jedoch, „dass man ohne Kompromisse lebt, frei von schlechten Ambitionen und ungerechten Interessen“. Erst am Ende des Angelus-Gebets genehmigt er sich ein Wort in eigener Sache: „Ich möchte all jenen danken, die für mich gebetet haben. Ich habe eure Unterstützung wirklich gespürt“, sagt Leo vor einigen Tausend Menschen auf dem Petersplatz. Was Leo XIV. mit dem russischen Herrscher besprach Das Mittagsgebet war sein erster öffentlicher Auftritt nach seiner Lungenoperation am Dienstag. Die Ärzte hatten ihm einen bösartigen Tumor sowie den rechten unteren Lungenlappen entfernt. Am Samstag hatte er die römische Gemelli-Klinik verlassen. Der Lungenspezialist Stefano Margaritora, der Leo operiert hat, berichtete, man habe den Papst im Krankenhaus schon vom Stühlerücken in der Kapelle abhalten müssen. Seiner Südamerikareise im November stehe aus medizinischer Sicht nichts entgegen. Das Verhältnis zu den Mächtigen der Welt stand schon am Freitag auf der Tagesordnung des Papstes. Leo XIV. hatte vom Krankenhaus aus mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefoniert. Wie das vatikanische Presseamt mitteilte, brachte der Papst in dem Gespräch „seine tiefe Besorgnis über die schwierige humanitäre Situation in der Stadt Oleschky im Gebiet Cherson zum Ausdruck“. Er habe um eine Waffenruhe gebeten, um die Ankunft von Lebensmitteln und medizinischer Hilfe zu ermöglichen sowie eine freiwillige und sichere Evakuierung der Zivilbevölkerung der Stadt an der Frontlinie. In einer Presseerklärung des Kremls hieß es, angesichts der Sorge des Papstes um die Stadt Oleschky seien „umfassende Erläuterungen zur Verantwortung des Kiewer Regimes für die dort entstandene schwierige humanitäre Lage gegeben“ worden. Der Kreml teilte weiter mit, in dem „Meinungsaustausch zur Situation in der Ukraine“ habe Putin dem Papst für seine Bereitschaft gedankt, einen Beitrag zur Konfliktlösung zu leisten, und für seine Bemühungen auf humanitärem Gebiet. Kreml sieht „verbindende geistig-moralische Werte“ Putin habe zudem die russisch-vatikanische Zusammenarbeit in der „Förderung verbindender geistig-moralischer Werte sowie beim Schutz von Christen und christlichen Heiligtümern“ in verschiedenen Regionen der Welt hervorgehoben. Putin habe dem Papst „aufrichtige Genesungswünsche“ übermittelt und ihm eine „baldige Erholung“ gewünscht. Die ukrainische Regierung begrüßte die Bitte des Papstes um einen Waffenstillstand für Oleschky. Er wolle Leo XIV. persönlich dafür danken, dass er Wladimir Putin zu einer Waffenruhe in Oleschky aufgerufen habe, damit humanitäre Hilfe geleistet werden könne, schrieb Außenminister Andrij Sybiha am Samstag auf der Plattform X. Die Menschen in der zum größten Teil zerstörten Kleinstadt brauchten zum Überleben keine bloßen Bekundungen von Besorgnis, sondern unverzüglich Taten. Etwa 1700 Menschen seien in Oleschky gefangen, teilte Sybiha mit. „Der einzige Fluchtweg ist vermint und wird von Kampfdrohnen überwacht.“ Wer versuche zu fliehen, riskiere, getötet zu werden. Dem Krankenhaus in der Stadt gingen die Medikamente aus. Der Außenminister warf Russland vor, Oleschky in eine „Todesfalle“ verwandeln zu wollen. Vatikan verstärkt Bemühungen um Vermittlung Nach Angaben von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, dem Chefdiplomaten des Vatikans, ging die Initiative für das Telefonat vom Papst aus. Er hoffe, sagte Parolin am Freitagabend laut vatikanischem Nachrichtenportal Vatican News, „dass Präsident Putin angesichts einer solchen Bitte des Heiligen Vaters bereit ist, das umzusetzen, worum der Papst ihn gebeten hat“. Die Tatsache, dass Putin das Telefonat angenommen und gesprochen habe, lasse ihn hoffen, „dass dies ein gutes Vorzeichen ist“ und Putin der Bitte des Papstes nachkomme, so Parolin. Der Vatikan hat seine Bemühungen um eine Vermittlung zwischen Moskau und Kiew in den vergangenen Monaten verstärkt. Im Juli hatte der vatikanischen Außenminister Paul Richard Gallagher die Ukraine besucht, im August reiste er nach Russland. Ende September war der Sondergesandte des Papstes für humanitäre Fragen im Ukrainekrieg, der italienische Kardinal Matteo Zuppi, nach zwei Jahren zum ersten Mal wieder nach Moskau gereist, es war sein dritter Moskaubesuch seit Beginn des Ukrainekrieges. Im Mittelpunkt seiner Gespräche standen nach vatikanischen Angaben der Austausch von Gefangenen und die Rückkehr verschleppter ukrainischer Kinder. Papst Leo XIV. hatte wiederholt an Moskau und Kiew appelliert, Friedensverhandlungen aufzunehmen.
Quelle: FAZ ›
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