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Najem Wali wird siebzig: Zuflucht im Land seiner Lieblingslektüre

Als er 1980 aus dem Irak nach Deutschland floh, kannte er nicht mehr von seiner neuen Heimat als deren Literatur. Mittlerweile ist Najem Wali selbst ein Teil davon geworden. Nun wird der Schriftsteller siebzig.

Najem Wali wird siebzig: Zuflucht im Land seiner Lieblingslektüre

Vor zwei Jahren hat Najem Wali das Buch benannt, das seine Liebe zur deutschen Literatur ausgelöst hat – und damit auch sein ganzes späteres Leben als Schriftsteller: Erich Maria Remarques „Zeit zu leben, Zeit zu sterben“, erschienen 1954. Wali las das Buch in seiner irakischen Heimatstadt Basra, und rückblickend spottet er, dass für ihn als Teenager womöglich der vom arabischen Übersetzer zu „Zeit zu lieben, Zeit zu sterben“ veränderte Titel eine Rolle gespielt haben mag. Aber vor allem habe ihn der im Berlin des Jahres 1944 angesiedelte Roman gelehrt, „dass es nicht genügt, Kriegsromane zu schreiben und künftige Generationen daran zu erinnern, was Krieg bedeutet, was Zerstörung bedeutet“. Wenige Jahre später erlebte Wali in seiner Heimat genau das. Nachdem er aus Begeisterung über Remarques Buch ein Studium der deutschen Literatur in Bagdad und danach den obligatorischen Wehrdienst absolviert hatte, brach 1980 der Krieg mit Iran aus, und Wali sah nur eine Möglichkeit, sich dem absehbaren Tod an der Front – in den folgenden acht Jahren starben Millionen auf beiden Seiten – zu entziehen: Er floh in das Land, dessen Literatur er immerhin kannte, und die lernte er bei einem Germanistikstudium in Hamburg dann noch besser kennen. Mitte der Achtzigerjahre begann Wali selbst zu schreiben, auf Arabisch, doch sein erstes Publikum fand er in Deutschland. Seit 1989 sind zahlreiche Bücher von ihm erschienen: Romane und Gesellschaftsanalysen der arabischen Welt. Es dauerte bis 2024, ehe Wali sich imstande fühlte, einen Roman auf Deutsch zu verfassen, „Stadt der Klingen“. Sein wohl größter Erfolg war die Freilassung Boualem Sansals Da war er schon längst zu einem der aktivsten Autoren im hiesigen literarischen Leben geworden, besonders durch sein Engagement im deutschen PEN-Zentrum, dessen in seiner Bedeutung gar nicht zu überschätzendes Programm „Writers in Prison / Writers at Risk“ er aktuell leitet. Wali weiß ja aus eigener Erfahrung, womit er es dabei zu tun hat, vor allem in der arabischen Welt, und so machte er den Einsatz für den in Algerien inhaftierten Boualem Sansal zu einer Herzenssache. Die Freilassung Sansals ist vor allem einem Appell des Bundespräsidenten Steinmeier an den algerischen Präsidenten zugeschrieben worden, aber Wali zog in Deutschland die Fäden. Er ist ein Vorreiter dessen, was dann migrantische Literatur genannt werden sollte. Als er nach Deutschland kam, 1980, interessierte sich kaum jemand für das Schicksal von Zuwanderern; sie sollten sich integrieren, auch literarisch und damit thematisch. Mit dem Anwachsen der Flüchtlingsströme sind jedoch Romane, die von den Erfahrungen russisch-, jugoslawisch- oder arabischstämmiger Figuren erzählen, ein essenzieller Bestandteil der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur geworden, weil deren Autoren ihr eigenes Erleben und Erleiden literarisch fruchtbar gemacht haben – wie Wali. „Wie viele Zufälle im Leben eines Menschen geschehen müssen, bis sein Schicksal sichtbar wird“, hat Wali als einen wichtigen Leseeindruck aus Remarques „Zeit zu leben, Zeit zu sterben“ festgehalten. Der wichtigste Zufall für ihn selbst war diese Lektüre. Er selbst schreibt und engagiert sich, um solche Zufälle nun anderen zu ermöglichen. Morgen wird Najem Wali in seiner Wahlheimatstadt Berlin den siebzigsten Geburtstag feiern.

Quelle: FAZ ›

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