Neue Diagnose: Was Simonettas Schielen verraten soll
Mehrmals stand Botticelli Simonetta Vespucci Modell, von der angenommen wird, dass sie jung an Tuberkulose verstarb. Nun stellt ein italienischer Mediziner eine neue These auf – die versucht, ihren Blick zu erklären.
Beim Arzt gewesen, mit Diagnose „Schielen“ zurückgekommen. Der italienische Endokrinologe Paolo Pizzolli trat soeben mit der Behauptung an die Weltöffentlichkeit, des Renaissancemalers Botticelli Lieblingsmodell Simonetta Vespucci sei nicht, wie bislang von vielen Gelehrten vermutet, 1476 im Alter von 23 Jahren an Tuberkulose gestorben, sondern an einem Hypophysentumor, der durch seine Masse auf Sehnerv und andere Gehirnteile gedrückt habe. Dadurch zeige die Schöne auf Botticellis Bildern wie dem „Allegorischen Porträt“ von 1490, auf dem sie sichtbar schielt und ihr ein Milchstrahl aus dem Busen schießt, der bislang als Abundanz gedeutet wurde, in Wirklichkeit das Tumor-Symptom ungewollten Milchflusses aus den Brüsten, der Galaktorrhö. Auch auf der „Geburt der Venus“, für das Simonetta wohl ebenfalls Modell stand, habe die Geschwulst ein leichtes Schielen verursacht, den sogenannten Scheuklappenblick. Nun ließe sich schon trefflich darüber streiten, ob die Art von Simonettas Aus-der-Welt-Scheiden für Botticelli irgendeinen Unterschied machte, der Tod durch Tuberkulose also weniger schmerzhaft gewesen sei als jener durch einen Hirntumor. Ausweislich der vielen Gemälde Edvard Munchs und anderer Künstler von qualvoll über Monate durch die Schwindsucht mit schmerzhaftester Gewebszerstörung, extremer Dyspnoe-Erstickungsangst und massiven Blutstürzen hinweggeraffter Opfer erscheint das mehr als zweifelhaft. Soll das Schielen Simonetta noch auratischer machen? Pizzolli ist es aber wohl vorwiegend um das Schielen zu tun, den leichten Silberblick, der dem ohnehin auratischen Simonetta-Bildern zusätzlich etwas Geheimnisvolles zu verleihen vermag. Vielleicht schielt der Herr Doktor dabei auch etwas in Richtung Paris und Louvre, wo mit Leonardos Mona Lisa die unsterbliche Ikone des verhangenen Blicks mit unergründlich schiefem Lächeln hängt, oder zumindest nach München, wo Dürers christusgleiches Selbstbildnis mit unübersehbar starkem Silberblick gezeigt wird? Die Diagnose des Schielens als Symptom für Verborgenes, möglicherweise Schlimmeres, hat eine lange Geschichte in der Kunstgeschichte. Germán Beritens wie auch der britische Augenarzt Patrick Trevor-Roper schrieben ganze Bücher über das vorgebliche Schielen eines anderen Renaissancemalers, El Greco nämlich, und versuchten so dessen schrägen Blick und seine manieristischen Körperverzerrungen zu erklären. Das neunzehnte Jahrhundert, das mit der reihenweisen Pathologisierung moderner Künstler die Entartungsvorwurfs-Exzesse der NS-Zeit vorbereitete (Werke von Kirchner, Dix, Beckmann oder Nolde wurden in der Propagandaschau „Entartete Kunst“ bösartig mit Fotografien schielender oder deformierter Menschen kontrastiert), sah in Monet einen Astigmatiker, der schon durch seine Augenerkrankung angeblich gar nicht anders konnte, als verschwommene Seerosen und schlierige Farbtümpel zu malen. Noch die Titel der späteren Bücher „L’œil de Monet“ von Yves Pouliquen und „Le Médecin de Claude Monet“ von Jean Rebière sprechen Bände. Grundsätzlich ist gegen Bilddiagnosen von Ärzten nichts zu sagen, schuldet die Kunstgeschichte doch Medizinern einiges. Die heute so verpönte Händescheidung etwa, mithin die Befähigung, überhaupt ein unsigniertes Bild mit einem Künstlernamen verbinden zu können, verdankt sich dem scharfen Blick des italienischen Arztes Giovanni Morelli, der anhand der von Künstlern immer einzigartig unverwechselbar gestalteten Ohren und Nasen und ja, auch mittels bestimmter idiosynkratischer Merkmale der Gesichtszüge anonyme Bilder zuordnete. Wenn Pizzolis These schon nicht das Leid Simonettas postum mindert, liefert sie zumindest eine diskutierenswerte Erklärung für das Schielen und den Milchfluss auf Botticellis enigmatischem „Allegorischen Porträt“.
Quelle: FAZ ›
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