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Preis für Arche-Gründer: Der Exot, der zum Wohltäter wurde

Bernd Siggelkow hat als Gründer des Jugendwerks Die Arche das Bild von Kinderarmut geprägt. Heute ist er etabliert, sieht die Aufgabe aber längst nicht als erfüllt an.

Preis für Arche-Gründer: Der Exot, der zum Wohltäter wurde

Wenige Menschen können von sich sagen, ein Thema ins allgemeine Bewusstsein gebracht zu haben. Bernd Siggelkows Leben ist mit dem Thema Kinderarmut auf diese Weise verbunden. Das hat viel mit seinen eigenen Startvoraussetzungen zu tun. Aufgewachsen im damals noch nicht aufgewerteten Hamburger Stadtteil St. Pauli, verlor er schon als Kind seine Mutter. Einen Existenzkampf habe er seither erlebt und daraus einen Wunsch abgeleitet, sagt Siggelkow: „Ich wollte etwas dafür tun, dass andere nicht so aufwachsen.“ Auf einem ungewöhnlichen geraden Weg wurde aus Siggelkow der Gründer und Geschäftsführer des Kinder- und Jugendwerks „Die Arche“. Dafür hat er viel Anerkennung bekommen, 2008 das Bundesverdienstkreuz, 2024 den Bambi. An diesem Mittwoch kommt der Vordenker-Preis der Finanzvermittlung Plansecur hinzu, die für ihr Vordenker-Forum eine Medienpartnerschaft mit der F.A.Z. geschlossen hat. Siggelkow habe mit seiner Arbeit wesentlich dazu beigetragen, die Folgen von Kinderarmut mit konkreten Beispielen aufzuzeigen, sagt die Armutsforscherin Gerda Holz. Seine Einrichtung, die sich inzwischen bundesweit auf 38 Standorte – mit Fokus auf Berlin und Hamburg – ausgedehnt hat, zeige täglich, wie unterschiedlich die Entwicklungs- und Teilhabechancen sowie die Zukunftsperspektiven armer Kinder seien. „Der Aufbau der Arche hat dazu geführt, dass das Vorhandensein von Kinderarmut in Deutschland nicht mehr negiert werden konnte“, sagt Holz. Die Arche versteht sich als Rettungsboot Als Siggelkow in den frühen Neunzigerjahren mit seiner Arbeit begann, galt Kindheit in Deutschland als glücklich. Er erlebte es anders: Kinder, die nie auf dem Schoß saßen, nie ein warmes Essen bekamen, die sich als fünftes Rad am Wagen fühlten. 1995 gründete er ohne umfassendes Finanzierungskonzept die erste Arche. Der Name sollte im Sinne eines Rettungsboots zu verstehen sein. Christlich war seine Prägung gewesen, sagt Siggelkow, seit ihn ein Pastor als Jugendlicher fragte, ob es jemanden gebe, der ihn liebe. „Ich war nicht Muttermilch-Christ und wollte Dinge anders machen“, sagt er über seinen weiteren Weg, der ihn über ein Theologiestudium bei der Heilsarmee, eine Gemeinde im badischen Lörrach und als Jugendreferent in den Berliner Stadtteil Marzahn-Hellersdorf führte. Dinge anders zu machen, das hieß: Statt vor wenigen Jugendlichen zu predigen mit vielen Jugendlichen Volleyball zu spielen, Brot und Kekse bereitstellen und Kinder zu fragen, warum sie bei ihm essen und nicht zu Hause. „Ich wollte ein Schaufenster sein“, sagt er. Das bedeutete, frühzeitig die Medien einzubinden. Die PDS, Vorgängerpartei der heutigen Linken, fand seine Pressearbeit zu aggressiv und warf ihm vor, sich über den Zustand seines Stadtviertels zu vermarkten. Als er ein warmes Mittagessen für Kinder anbot, berichtete zuerst eine Lokalzeitung und dann ein überregionales Politmagazin im Fernsehen. Radikaler war die Ablehnung anderer Gruppen, die sogar einen Brandanschlag auf eine Arche-Schule verübten. Rahmensetzungen können Talente zur Entfaltung bringen Bilder zu prägen, ohne mit Massenmedien zu kooperieren, war schon damals nicht möglich. Doch Die Arche war weit mehr als ein Ort, der Aufmerksamkeit erzeugte. Siggelkow habe sich eingebracht und aufgezeigt, dass individuelle Chancen insbesondere über politische Rahmensetzungen geschaffen werden müssen, sagt Armutsforscherin Holz. Nur so könnten die großen Potentiale, Talente und Kompetenzen armutsbetroffener Kinder gestärkt werden. Als CDU-Kandidat für das Berliner Abgeordnetenhaus scheiterte Siggelkow 2026. Die Arche habe gegenüber anderen Sozialeinrichtungen den Vorteil der Kontinuität gehabt, sagt Siggelkow. Nicht Programme erreichten die Kinder und Jugendlichen, sondern Beziehungen. Dafür brauche es Menschen, die dauerhaft investierten und dafür Institutionen, die nicht über Sonderzahlungen aus einem politischen Haushalt profitierten. Das aber sei keine Selbstverständlichkeit, lange habe er Prügel bezogen und sei ein Exot gewesen. Doch im Jahr 2001 stützte der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung seine Perspektive. Siggelkow wurde vom Exoten zum Experten. Am meisten, so ist aus seinen Ausführungen herauszuhören, beeindrucken Siggelkow die Geschichten der Menschen: das Kind drogenabhängiger Eltern, das heute eine Ausbildung in der Arche als Sozialassistentin macht. Die Kinder, die sich mit einem Lesehund auf dem Arm trauen, vor Publikum vorzulesen. Die Jugendlichen, denen irgendwann eine bessere Freizeitbeschäftigung einfiel, als nach oben zu gehen und mit der Freundin zu poppen, wie er sagt. So eine Arbeit über mehr als drei Jahrzehnte bringe nicht nur Erfolgserlebnisse, sagt Siggelkow. Das System müsse lernen, statt auf die Masse aufs Individuum zu schauen. Schulen stünden fast die Hälfte der Tage im Jahr leer, wo seien die Vereine? Deutsch als Pflichtsprache würde Kindern helfen, perspektivisch einen Arbeitsplatz zu finden. Sein Wunsch: ein kostenloses Frühstück an jeder Schule.

Quelle: FAZ ›

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