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50 Jahre Loriots Steinlaus: Sie frisst alles kurz und klein

Vor 50 Jahren entdeckte Loriot die Steinlaus, das „kleinste Nagetier unserer Heimat“. Wer da noch fragt, warum Deutschlands Brücken alle marode sind, verkennt die kolossale Fraßfreude von Petrophaga lorioti.

50 Jahre Loriots Steinlaus: Sie frisst alles kurz und klein

Wer mit seinem Auto, mit dem Bus oder der Bahn mal wieder im Sanierungsrückstau feststeckt, sich tagein, tagaus durch Baustellen über marode Brücken oder durchs mürbe gewordene Schienennetz quält, mag sich mit dieser Vorstellung trösten: Wäre nicht alles einfacher zu ertragen, läge das Infrastrukturelend nicht an jahrzehntelangen Versäumnissen bei der Instandhaltung, der Zunahme des Schwerlastverkehrs, dem politischen Verbummeln und Verdrängen, das uns nun alle in Investitionslöcher von Milliardentiefe stürzt? Das Ganze ließe sich mit Galgenhumor als Ergebnis einer äußerst erfolgreichen Renaturierung deuten – oder von denen, die partout keine bessere Laune haben wollen –, als scherzhaft vorgetragene düstere Prophezeiung, die in Erfüllung gegangen ist. Vor 50 Jahren nämlich gab es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine zoologische Sensation zu bestaunen. Damals brachte ein ältlicher Herr mit Brille vor den trüb wirkenden Augen ein ausgestorben geglaubtes Wildtier ins Fernsehstudio, das noch nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt hatte. 28 Kilogramm Stein pro Tag Der Herr sah aus wie Bernhard Grzimek, der mit „Serengeti darf nicht sterben“ zu Weltruhm gelangte, pensionierte Direktor des Frankfurter Zoos; das Studio wirkte wie das Setting seiner mehr als hundertfach ausgestrahlten Sendung „Ein Platz für Tiere“. Doch anstatt wie üblich einen Schimpansen, Geparden oder Serval auf sich herumturnen zu lassen und dabei etwas über die Lebensweise vom Menschen bedrohter Arten zu erzählen – oder zur Abwechslung mal eine Räuberpistole aus einem Zirkus im besetzten Frankreich –, deutete der Herr, der tatsächlich Loriot in einem seiner besten Sketche war, auf einen Haufen bald zerlegter Beton- und Ziegelsteine. Erst ein cartoonistischer Blick durch das Mikroskop offenbarte, was sich darin verbarg: die Steinlaus, das „kleinste Nagetier unserer Heimat“. Den „possierlichen“ Kerl, taxonomisch eine Kreuzung aus Insekt, Spinnentier und Säuger, habe „übertriebene Hygiene“ und der „rücksichtslose Gebrauch von Sprayflaschen“ aus deutschen Städten vertrieben – und das alles nur, weil ein Männchen 28 Kilogramm Stein pro Tag vertilge, das „schwangere Weibchen“ das Doppelte und die Winzlinge Eisenträger nicht verschmähten. Da habe es durchaus passieren können, „dass ein Bauwerk im Ganzen etwas nachgab“, informierte Loriot-Grzimek zu Einspielern einstürzender oder niedergelegter Bauten, die Mitte der Siebziger noch Kriegs- und Nachkriegserinnerungen wecken konnten. Was damals in Stahl- und Spannbeton gegossen wurde, bröckelt heute unter uns weg, unglücklicherweise parallel zu ziemlich vielem drum herum, das einmal stabil wirkte. Die Steinlaus, deren vermeintlich letzte Exemplare Loriot aus 20 Meter Tiefe barg – es gibt inzwischen tatsächlich Zoos mit Steinlausgehegen und Lexikoneinträge über das erfundene Tier –, scheint sich munter durchzufressen; ganz so, als hätten sich viele Zuschauer von damals die Andeutung von Loriots Grzimek, man könne Steinläuse auch als Haustiere halten, zu Herzen genommen. Wer wollte da noch über die Rückkehr des Wolfes klagen oder invasive Arten wie die Chinesische Hornisse? Die Steinlaus hat „ihren gröbsten Appetit“ vermutlich noch nicht gestillt.

Quelle: FAZ ›

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