Gustav Falke gestorben: Kritik als Selbstversuch
Am Urteil ist zuletzt immer der Maßstab das Interessante. Gustav Falke hatte das Handwerkszeug der Kritik durch das Studium Hegels gelernt. Mit 68 Jahren ist der Philosoph und Musikschriftsteller in Berlin gestorben.
Sind nun die Wiener das beste Orchester der Welt oder doch die Berliner oder vielleicht auch einer der Londoner Spitzenklangkörper? Eine solche Auskunft mag von der Musikkritik erwartet werden, obwohl man nicht leicht sagen kann, was das Publikum, das sie erhält, mit ihr anfangen soll. Gustav Falke hat sie probeweise trotzdem gestellt, als er im Februar 1995 in Berliner Konzerten die Berliner Philharmoniker, die Wiener Philharmoniker und das Philharmonia Orchestra hören konnte. Das „gelöste, weiche Spiel“ der Wiener, „das fast nachlässig scheinen könnte, es aber nicht ist“, unterschied Falke vom „mystischen Zug“, den bei den Berlinern „der stufenlose Ansatz der Töne, ihr Ineinanderübergehen“ erzeugte, um dann von beidem die Spielweise der Londoner abzusetzen, in der „die musikalischen Figuren, Motive, Phrasen, Melodien, ganz scharf, fast überplastisch gezeichnet“ waren. „Auf jeden Fall wird, wem die Fassbarkeit der Gestalten höchster künstlerischer Wert ist, wer im Streit zwischen disegno und colore auf der Seite des ersteren steht, den Londonern den Zuschlag geben.“ Der Kritiker konnte also den Wettstreit entscheiden und sein Urteil sogar seinerseits ganz scharf, fast überplastisch markieren, aber nur, indem er sein Kriterium offenlegte, als eines der denkbaren Kriterien. Typisch für Falkes Bemühen um Schulung der Kriterienbildung war, dass er die Theorie einer anderen Kunst zum Vergleich heranzog. Er setzte verdeutlichend hinzu, dass es in diesem Spiel des Wertens auf den Maßstab und sogar nur auf den Maßstab ankommt. „Solche Fragen sind interessant nur, insofern sie zur Explikation ästhetischer Normen nötigen.“ Diese Maxime wandte er im gleichen Artikel auch auf „die Kontroverse: Dietrich Fischer-Dieskau oder Peter Schreier“ an. Eine Aufführung der „Schönen Magelone“ von Johannes Brahms mit Daniel Barenboim am Flügel bot ihm Anlass zu der schönen Beobachtung, „dass Schreier der Ironie nicht bedarf, um sich vor Naivität zu retten“. Jede Aufführung ist eine Summe von Entscheidungen Zwei Jahre lang versah Gustav Falke im Feuilleton der F.A.Z. die Stelle des Berichterstatters aus Berliner Konzertsälen, die jahrzehntelang Hans Heinz Stuckenschmidt innegehabt hatte. Man wird in Falkes Kritiken keine Unsagbarkeitstopoi und keine Superlative oder genauer gesagt keine Elative finden, keine Höchstnoten ohne Vergleichsskala, keine Fingierung von Neuem durch die Beteuerung, ein Stück noch nie so frisch oder rau gehört zu haben. Falke war in Hamburg aufgewachsen und hatte dort Günter Wand als Chefdirigenten des NDR Sinfonieorchesters erlebt, sodass er 1995 Hans Zenders Urteil, Wand sei der beste deutsche Dirigent, unter Verweis auf den Wandel von Wands Spätstil zustimmen konnte. In seiner Heimatstadt hörte Falke Germanistik bei Karl Robert Mandelkow, an der TU Braunschweig wurde er mit einer Arbeit über Hegels „Phänomenologie des Geistes“ promoviert. Seine „Parallelstellenphilologie“ wurde in der Hegelforschung durchaus kontrovers aufgenommen, aber die Nützlichkeit dieses Verfahrens für den Kritiker Falke ist nicht zu bestreiten. Er nahm jede Aufführung als Kette und Summe gestaltender Entscheidungen auf, weil er alles Gehörte mit zuvor Gehörtem abglich. 1996 hob er an der Zweiten Symphonie von Brahms unter Nikolaus Harnoncourt eine Einebnung der Tempodifferenzen zwischen den Sätzen hervor, die sowohl der auf die Uraufführung zurückgehenden Aufführungstradition widersprach als auch landläufigen Vorstellungen von Harnoncourts Stil. Er spendete der Konsequenz dieser homogenisierenden Gestaltung höchstes Lob und brachte dann doch einen Vorbehalt an, fast als Nachtrag: „Wer Kritik als Selbstexperiment auffasst, wird schnell an sich ein stetes Abgleiten der durch Gleichförmigkeit überforderten Konzentration bemerkt haben.“ Nach zwei Jahren legte Falke sein Amt nieder, weil er sich der Maxime der damaligen Musikredaktion nicht unterwerfen wollte, Kritik solle sich mehr den Novitäten als dem Repertoire widmen. Strategisches Operieren weckt Unbehagen Bis 2010 blieb Falke fester Mitarbeiter des Sachbuchressorts des Feuilletons, und auch in diesem Fach betrieb er Kritik als Selbstexperiment. Die Rezension des Buchs der Philosophin Martha Nussbaum über Gerechtigkeit und das gute Leben begann er 1999 mit lehrreichen Fragen: „Rezensionen sind immer auch die Auswertung eines Selbstversuchs. Wo habe ich nachgehakt? Wo bin ich ins Blättern gekommen? Und warum?“ Obwohl es sich bei dem Buch um eine Aufsatzsammlung handelt, brachte er ihm dieselbe Erwartung entgegen wie einer Symphonie: „Es muss eine unterschwellige, letztlich wohl ästhetische Wahrnehmung des inneren Zusammenhalts, nicht einmal des Textes als vielmehr des ihm zugrunde liegenden Gedankens geben.“ In diesem Fall hatte der Selbstversuch ein „Unbehagen“ ausgelöst, ein Hadern mit dem Ganzen ohne Einspruch gegen einzelne Argumente. Falke erklärte sich seine Reaktion mit dem Eindruck, dass die damals schon weltberühmte Autorin „strategisch“ operiere, die Auswahl ihrer Beispiele und Autoritäten von vornherein durch ihre politische Wirkungsabsicht bestimmen lasse. Kritik war für Falke ein geselliges Geschäft, auch wenn er ihm privat nachging, mit Kommentaren zu Zeitungstexten, die er auf Kunstpostkarten ohne Anrede verschickte. Den Gastronomiekritiker einer anderen Zeitung brachte er in Verlegenheit, als er ihn im Restaurant zu Anfang des Testessens laut fragte, wie man eine solche Kritik wohl angehen solle. Falkes Neugier war nicht auf Texte oder Kunstwerke beschränkt, sondern erstreckte sich auch auf das System der Bedürfnisse. So lieferte er für unser Feuilleton auch räsonnierende Reportagen aus der näheren und weiteren Umgebung seiner Kreuzberger Wohnung mit besonderem Interesse an den Folgen von Migration sowie Glossen über das Weinglas oder den Braten, der in Gesellschaft verspeist werden muss, obwohl seine Kompaktheit dem heutigen Geschmack an der Zergliederung widerstrebt. Alle vier Bücher Falkes, über Hegel, Brahms, Bach und Mozart, sind im Berline…
Quelle: FAZ ›
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