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Donaueschingen: Gehaltsabfragen beim Publikum sind musikalisch gehaltlos

Das Publikum der Donaueschinger Musiktage buht gegen seine eigene Veralberung an. Aber grundsätzlich ist das Niveau neuer Orchesterwerke besser als im Vorjahr.

Donaueschingen: Gehaltsabfragen beim Publikum sind musikalisch gehaltlos

Hatte man im Eröffnungskonzert der diesjährigen Donaueschinger Musiktage mit dem SWR-Symphonieorchester den Eindruck, den uraufgeführten Komponisten und Komponistinnen (Hannah Kendall, Stefan Prins, Igor C Silva, Natascha Barrett) würde vor lauter Elektronik, orchesterfremden Instrumenten wie Teekessel und Walkie-Talkie, verbrauchten Spieltechniken und improvisatorischen Vorgaben für die solistische Trompeterin und den Dirigenten Brad Lubman die Musik allmählich abhandenkommen, so beruhigt konnte man nach dem Abschlusskonzert nach Hause fahren. Es gibt sie noch, die Komponisten und Komponistinnen, die für Orchester schreiben können. Der Chefdirigent François-Xavier Roth schien von der Qualität und Verschiedenheit der Werke überrascht zu sein und räumte dem Konzert den Status einer „Masterclass“ ein: von Noriko Baba, die mit ihrem „Bestarium Musicale VI“ den Karneval der Tiere fortschreibt, einschließlich zweier Quietscheenten bei den Schlagzeugern. Von Mauro Lanza, dem Träger des diesjährigen Orchesterpreises, mit der rhythmischen Virtuosennummer „We’ve actually been in this place before“, deren Schwierigkeitsgrad Roth in die Nähe von Strawinskys „Sacre“ rückt. Von Fabien Lévy, der dem Orchester einen prächtigen „Maßanzug“ (Roth) verpasste und – als studierter Ethnomusikologe – mit selbst gebauten Flöten auf die afrikanische Hindewhu aus Papayazweigen verweist. Schließlich von Clara Jannotta, die mit allerlei Zusatzinstrumenten und diskret eingesetzter Elektronik orchestrale Poesie und Emotionalität hervorrief, in einer Welt – so der Titel – „that is pure blue (where you are transformed utterly and forever)((Amen)).“ Tags zuvor hatte Enno Poppe Rebecca Saunders’ Stück „thirst“ (Durst) für 18 Streicher mit dem Ensemble Resonanz aus der Taufe gehoben: ein flammendes Bekenntnis zur Kunst. Für die Gesellschaft bedeute Kunst dasselbe wie der Atem für den menschlichen Körper, so die Überzeugung der Komponistin. Und was sie mit den Streichern anfängt, den konzertierenden Geigen und Kontrabässen, wie sie Anläufe und Verläufe organisiert, zwischen „motivischer Arbeit“ und abstrakten Passagen wechselt, Flageoletts aufflattern und Glissandi nach oben streben lässt, jeder Stimme eine unverfremdete, erkennbare Individualität verleiht, die Intensität steigert und das Ganze über ein Unisono in einem wunderbaren, leisen Schlussakkord ausklingen lässt, das kann sich mit den „Metamorphosen“ für 23 Solostreichern von Richard Strauss durchaus messen. Jedenfalls wird mit „thirst“ auch eine Tradition aufgerufen, die als langer Atem der Kunst in unsere Gegenwart hineinweht. Damit konnte Ann Cleare im selben Konzert nicht mithalten. Bei ihrer „Dream Machine“, als klangliches Porträt des menschlichen Gehirns angekündigt, dachte man eher an Hirntod als an Träumereien. Zumindest sorgte es bei vielen Zuhörern für einen gesunden Morgenschlaf. Ausgebuht wurde Cleare nicht. Diese in Donaueschingen eigentlich längst vergangene Art der Publikumsäußerung traf mit voller Breitseite Brigitta Muntendorf, die mit ihrer „Last Show“ viele provozierte. Pikant ist allerdings, dass sich die Zuhörer im Grunde selbst ausbuhten. Das Stück heißt im Untertitel „Q&A (Questions and Answers, Fragen und Antworten) für Ensemble und Publikum“ und entstand im Auftrag von CONNECT – The audience as Artist, dem Zusammenschluss europäischer Ensembles und Veranstalter Neuer Musik, mit dem Ziel, das Publikum als aktiven Bestandteil des künstlerischen Prozesses zu begreifen. „Last Show“, uraufgeführt vom Ensemble Modern unter der Leitung der chinesischen Dirigentin und Paukerin Xizi Wang und anschließend in London, ist eine Versuchsanordnung über das Zuhören. Das Publikum wird aufgefordert, sich über das Smartphone mit einem Netzwerk zu verbinden, damit es über ein Votingtool Fragen beantworten kann, die ihm jeweils nach den Ensemblestücken von einer KI-Stimme gestellt werden (es ist die geklonte Stimme der Komponistin). Daraus hätte sich eine Statistik über den diesjährigen Donaueschingen-Besucher ergeben können, wenn, ja wenn es mehr Teilnehmern gelungen wäre, sich tatsächlich mit dem Netzwerk zu verbinden, und wenn dieses die Votings nicht sehr schnell nicht mehr hätte verarbeiten können. Bei der ersten Frage, „Wie fühlen Sie sich im Moment?“, gingen 335 Stimmen durch, bei der Frage nach dem durchschnittlichen Jahresgehalt waren es nur noch 69. Das technische Problem kann jedoch die Aggression nicht allein ausgelöst haben. Übersehen wurde offensichtlich, dass Muntendorf mit unserer medialen Verfasstheit spielt, sie uns mit den Fragen auch aufs Glatteis führt: Was soll sonst die Frage nach dem Gehalt, wenn doch die Aufmerksamkeit für Gehörtes gemessen werden soll? Ein Spiegel für unser mediales Verhalten wird uns vorgehalten, wenn wir aufgefordert werden, alles, was wir hören, denken, fühlen, sofort zu bewerten. Und auch mit der Ambivalenz spielt Muntendorf: dass wir mitmachen und uns gleichzeitig darüber ärgern. Zum Motto des Festivals, „Polyphonies“ im Sinne von Pluralismus und Multiperspektive gehörten ziemlich naiv anmutende Klanginstallationen und Zwischenformen wie die noch unfertig präsentierte Bühnen- und Videoperformance „UR!“ von Simon Steen-Andersen und seinem Musiker/Schauspieler/Sprecher Michael Schmid über Kurt Schwitters „Ursonate“. Oder die horrorfilmartige „Museum Factory“ von Steven Kazuo Takasugi für Perkussionstrio, Skulpturinstrumente, Video und Elektronik, eine akustische wie darstellerische Folteraktion, Ausdruck unserer apokalyptischen Obsessionen und Ängste. Hatte sich der aus Belgien stammende Stefan Prins, der seit 2012 regelmäßig in Donaueschingen vertreten ist, in seinen „Madness Machines“ mit altbekannten elektronischen Mitteln relativ erfolglos über den „Wahnsinn“ der Welt ausgebreitet, so übererfüllte Takasugi dieses weltanschauliche Soll mit Schockelementen. Dagegen gab es keine bessere Kontraindikation als zwei Werke für Orgel und Blechbläser in der Donaueschinger Stadtkirche, auch diese als Konzertinstallation a…

Quelle: FAZ ›

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