FIFA-Machtkampf - die Chancen der Gegner von Gianni Infantino
Europas Verbände fordern Reformen bei der FIFA und einen Rückzug von Präsident Gianni Infantino. Doch bislang gibt es keinen Gegenkandidaten für die Präsidentenwahl 2027.
Europas Verbände fordern Reformen bei der FIFA und einen Rückzug von Präsident Gianni Infantino. Doch bislang gibt es keinen Gegenkandidaten für die Präsidentenwahl 2027. Von Robert Kempe, Chaled Nahar, Maximilian Rieger Scheitert der Versuch, Infantino zu stürzen? "Die UEFA hat im Moment einfach an Tempo verloren. Das muss man sagen", sagt der frühere FIFA-Mediendirektor Guido Tognoni im Gespräch mit der Sportschau. "Und wenn sie jetzt nicht bald an Tempo zunehmen, dann könnte das Ganze noch in einem Fiasko enden." Tognoni meint: Infantino könnte im März 2027 wiedergewählt werden, ohne dass es zuvor zu grundlegenden Reformen der FIFA-Strukturen kommt. Warum gibt es noch keinen Gegenkandidaten? Die UEFA hat bislang nur ein Profil benannt, aber keine Person. Die wenigen einigermaßen aussichtsreichen Kandidaten sagten ab. "Es gibt Leute, die schon die Ambitionen haben, aber die geben das nicht zu, weil sie Angst haben, dass sie verlieren", sagt Tognoni. Während die UEFA einen Kandidaten sucht, nutzt Infantino die Vorteile seines Amtes. Dem FIFA-Präsidenten steht ein Privatflugzeug von FIFA-Sponsor Qatar Airways zur Verfügung. Infantino geht damit weltweit auf Stimmenfang. "Er kann einen Vorsprung herausholen", sagt Tognoni. "Er kann den Mercedes-Katalog mitbringen für die Präsidenten, damit sie wissen, was sie mit dem Geld anfangen sollen." Ein Kandidat braucht neben einer Strategie und einem Netzwerk also vor allem ein entsprechendes Budget für einen Wahlkampf, der längst läuft - oder vielleicht längst gelaufen ist. Denn Infantino hat seine Machtbasis wieder aufgebaut: Südamerika sowie große Teile Ozeaniens und Asiens stehen an seiner Seite. Auch die afrikanischen Verbände unterstützen Infantino. Afrikas Verbandschef Patrice Motsepe forderte seine Funktionärskollegen bei einem Treffen in Kap Verde sogar zum kollektiven Applaus für Infantino auf. "Wir unterstützen ihn, wir stehen ihm bei der Wahl bei. Ich möchte, dass ihr alle aufsteht, und wir alle klatschen für Gianni", sagte Motsepe. Infantino nutzte das Entwicklungsgeld stets als Machtinstrument und erhöhte die Zahlungen bis zum Jahr 2030 aktuell pro Verband von 10 auf 25 Millionen US-Dollar. Mauretaniens Verbandspräsident Ahmed Yahya ist FIFA-Ratsmitglied und lobte: "Wir sehen, dass Gianni die richtige Person ist, um den Fußball weiterhin zu führen." Wer käme als Gegenkandidat infrage? Die Suche nach einer Gegenkandidatur bleibt spekulativ. Zuletzt wurde Michele Kang von "L'Équipe" als mögliche Kandidatin gehandelt. Sie ist eine Investorin aus den USA, die im Frauenfußball aktiv ist. Die BBC berichtete von einer möglichen Kandidatur des aktuellen FIFA-Direktors und früheren Arsenal-Trainers Arsène Wenger. Grundsätzlich hat aber weiterhin niemand eine Kandidatur bestätigt. Bislang gab es nur Absagen: PSG-Präsident Nasser Al-Khelaifi, ein in Europa mächtiger Funktionär aus Katar, sprach davon, "null Interesse" an dem Posten zu haben.CONCACAF-Präsident Victor Montagliani, der lange als möglicher Kronprinz Infantinos galt, erhebt Medienberichten zufolge keine Ansprüche mehr.UEFA-Präsident Aleksander Ceferin zog ebenfalls eine erneute Kandidatur in Europa vor. Warum drängt die Zeit für die UEFA? Die Frist für eine Nominierung endet am 18. November. Während Infantino bereits weltweit um Unterstützung für seine Wiederwahl wirbt, hat die UEFA bislang keinen Gegenkandidaten benannt. Darauf weist auch Norwegens Verbandspräsidentin Lise Klaveness im Gespräch mit der Sportschau hin. Sie kritisiert Infantino seit Jahren und fand bis zum Investorendeal keine Mitstreiter. "Wir beschäftigen uns schon seit vier oder fünf Jahren mit diesem Thema, andere Länder dagegen nicht. Daher steht uns jetzt weniger Zeit zur Verfügung, als wünschenswert wäre." Ist Infantino zu echten Änderungen bereit? Die Affäre um die ausgesetzte Sperre des US-Stürmers Folarin Balogun bei der WM, die Vergabe des FIFA-Friedenspreises, die von der UEFA geforderten Reformen in der Verbandsführung - all das war Thema bei einer Sitzung des FIFA-Rats in Zürich am Donnerstag. Der FIFA-Rat vereinbarte einer Mitteilung zufolge mit Infantino, diese Themen allesamt in entsprechende Arbeitsgruppen und Kommissionen zu verweisen. "Wir haben sehr viele kritische Fragen gestellt, befriedigende Antworten hat es aus meiner Sicht nicht gegeben", sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf nach dem Termin. Die von der UEFA geforderten Reformen ähneln den Reformen, die 2016 vereinbart worden waren. Doch 2024 beschlossen die Nationalverbände der FIFA fast einstimmig, entscheidende Teile davon wieder abzuschaffen und der Machtkonzentration beim FIFA-Präsidenten Vorschub zu leisten. Mindestens 46 der 55 UEFA-Verbände stimmten für diesen Schritt - erst jetzt kommt der Sinneswandel. Welche Rolle spielt der juristische Druck? In den vergangenen Wochen wurde deutlich, dass die Opposition belastendes Material sucht, um Infantino unter Druck zu setzen oder zum Rücktritt zu bewegen. Die UEFA fordert aktuell in den USA gerichtlich Dokumente zum gescheiterten Investorendeal der FIFA ein. "Der Zweck könnte sein, an Informationen zu kommen - in der Hoffnung, dass diese Informationen ein Fehlverhalten zeigen, um öffentlich Druck zu erzeugen", sagt der Sportrechtsexperte Antoine Duval im Gespräch mit der Sportschau. Die UEFA strebt ein Strafverfahren gegen Infantino in der Schweiz an. Zustande kam der Verkauf zwar nie. Die UEFA wirft Infantino aber vor, das Geschäft überhaupt vorangetrieben zu haben: Wäre es zustande gekommen, hätte es das Vermögen der FIFA und ihrer Mitglieder geschädigt. Die UEFA hält den damals aufgerufenen Kaufpreis von 4,2 Milliarden US-Dollar für 20 Prozent der Vermarktungsrechte an der WM für viel zu niedrig. Bis zur Wahl dürfte das Duval zufolge aber keine Rolle mehr spielen. "Selbst wenn eine Strafanzeige bei der Schweizer Staatsanwaltschaft eingereicht wird, dürfte es in der Regel etliche Jahre dauern, bis ein Richter eine Entscheidung trifft", sagt Duval. "Und bis eine endgültige richterliche En…
Quelle: tagesschau ›
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