Nachrichten aus Deutschland und der Welt RSS Ruhiger Modus: aus
DE EN
deublitz.de
Aktuell
Kultur

Frankfurter Anthologie: Guntram Vesper: „Erbschaft“

Was haben das alte Bettgestell eines Kleinbauern und Georg Büchner miteinander zu tun? Dieses Gedicht bekennt sich zu Literatur aus plebejischer Perspektive und der Botschaft des „Hessischen Landboten“.

Frankfurter Anthologie: Guntram Vesper: „Erbschaft“

Was haben das alte Bettgestell eines Kleinbauern und Georg Büchner miteinander zu tun? Dieses Gedicht bekennt sich zu Literatur aus plebejischer Perspektive und der Botschaft des „Hessischen Landboten“.

„Ich schrieb das Gedicht während meines letzten Friedberger Jahres, im April 1966 druckte es die Frankfurter Rundschau“, so Guntram Vesper über das vorliegende Gedicht „Erbschaft“. In seinem Essay „Oberhessen“, zuletzt in dem Band „Lichtspiele“ erschienen, kommentiert er die Entstehung der Verse und Strophen. Vesper, der 1941 in der sächsischen Stadt Frohburg geboren wurde, kam 1957 mit seiner Familie in den Westen. Bis 1963 ging er im hessischen Friedberg auf ein Internat, wo er seine spätere Frau Heidrun kennenlernte. Die wiederum stammte aus dem nahe gelegenen Dorf Steinheim, auf das er in dem Gedicht anspielt.

In seinem Roman „Frohburg“, 2016 erschienen, beschreibt er das „niedrige Schlafzimmer der Schwiegereltern mit den beiden Fenstern rechts von mir und mit den Ehebetten links, die übliche Kammer der Kleinbauern in der Gegend zwischen Wetterau und Vogelsberg, von Weidig und Büchner im Hessischen Landboten gemeint, Steuern zahlen, Abgaben rausrücken, Rekruten stellen und zeitlebens in der Erde wühlen, auf den Handtuchäckern“. Vesper versetzt sich in seinem Gedicht in die Zeit von 1834, als die verbotene Flugschrift auf den hessischen Dörfern verteilt wurde. Dabei bezieht er sich mit dem Ausdruck „Wintermorgen“ wohl auf die zweite, überarbeitete Fassung, die im November desselben Jahres kursierte. Der Theologe Friedrich Ludwig Weidig, der mit Georg Büchner zusammen den „Hessischen Landboten“ schrieb, wurde aufgrund der illegalen Flugschrift verhaftet und in Friedberg inhaftiert. Vielleicht war Vesper auch dieses Detail bekannt, als er seinen Text verfasste, den er erneut 1990 in der Sammlung „Ich hörte den Namen Jessenin“ mit frühen Gedichten veröffentlichte.

F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen

In dem Essay „Oberhessen“ erläutert er den Titel „Erbschaft“. In seinem Elternhaus in Reiskirchen bei Gießen entdeckte er auf dem Dachboden „ein altes hochbeiniges Bettgestell“, das er restaurierte und in seinem Zimmer aufstellte; „wie in einem hochbordigen Schiff lag ich darin, viel höher über dem Boden und viel näher zur Zimmerdecke als in dem flachen Flüchtlingsbett, das ich vorher gehabt hatte, so abgeschottet, geborgen war ich, wenn ich Dantons Tod und am selben Abend mit annähernd gleicher Intensität, aber höherem Tempo auch noch G-man Jerry Cotton las“, schreibt Vesper, der 2020 in Göttingen verstarb. Das Gedicht „Erbschaft“ ist also inspiriert vom Geist des Ortes, dem Genius Loci.

Die Vorstellung, dass das abgebeizte Bett einem Kleinbauern in Steinheim gehörte, der voll Furcht die Flugschrift verbrannte, die zum Widerstand aufrief gegen die Regierenden im Großherzogtum Hessen-Darmstadt, löst den Schreibimpuls aus, verbunden mit der Erinnerung an das Schlafzimmer der Schwiegereltern. Die Angst vor Verfolgung und Bestrafung durch die Behörden war nach dem „Blutbad von Södel“ vom 1. Oktober 1803 bei der hessischen Landbevölkerung stark verbreitet. Der Protest der Einheimischen, der sich auf die Verbesserung ihrer politischen und wirtschaftlichen Situation richtete, wurde damals von den Soldaten der Regierung gewaltsam niedergeschlagen. Vespers Gedicht wird zur erlebten Geschichte, zur Identifikation mit den Vorfahren. Es geht dabei aber auch um das spirituelle Erbe von Büchner und Weidig. Der „Landbote“ ist noch immer eine relevante Lektüre, weil die Situation der einfachen Leute im Zentrum steht, über deren Köpfe hinweg entschieden wird. Aufgabe der Literatur ist für Vesper die plebejische Perspektive, der Blick von unten. Geschichte wird erfahrbar und anschaulich durch die Beschreibung von Menschen, die dem Druck der gesellschaftlichen Verhältnisse unmittelbar ausgesetzt sind, sich beruflich und privat einrichten müssen unter wechselnden Formen der Herrschaft.

Bei „Erbschaft“ handelt es sich um ein Prosagedicht. Vesper rekapituliert ein Ereignis im Jahr 1834 und beschreibt dessen Nachwirkungen für das lyrische Ich. Dabei bricht der Schriftsteller die nüchtern und verständlich formulierten Sätze in Strophen und Verse. Dass aus dieser kleinen Erzählung ein Gedicht entsteht, liegt an der Zuspitzung am Schluss des Textes, bei der die doppelte Bedeutung des Ausdrucks „Erbschaft“ erkennbar wird. Die „vier Bretter“ beziehen sich auf das materielle Eigentum, das sich im „Besitz“ des lyrischen Ichs befindet. Verbunden mit dem Bett aus dem frühen 19. Jahrhundert ist aber die spirituelle Überlieferung, die vom „Hessischen Landboten“ ausgeht. Vesper überträgt die Hoffnungen auf Freiheit, Demokratie und sozialem Aufstieg, die sich im Vormärz entwickelten, auf seine eigene Lebenswelt, auf die ersten Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Achtzehnhundertvierundreißigim hessischen Dorf Steinheim

am Wintermorgen eiligmit der Kerze zum HerdPapier zu verbrennen.

Die Flugschrift, die am Zaun hingließ zögernd der Häuslerin der rissigen Lehmwand übernachtenneben der Schlafstatt der Familie

vier Bretter, heutein meinem Besitzein Ort für die Lektüredes Landboten noch immer.

Guntram Vesper: „Tieflandsbucht. Die Gedichte.“ Mit einem Nachwort von Michael Krüger. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2018. 536 S., geb., 32,– €.

Die angesehene Reporterin Christiane Amanpour verlässt CNN. Und sie ist nicht die einzige. Die Tech-Expertin Kara Swisher findet für die neuen Eigentümer, die Trump-Freunde Ellison, deutliche Worte.

Mit „Trainspotting“ und „Slumdog Millionaire“ feierte er Welterfolge. Er setzte die Queen in Szene und lehnt dennoch die Monarchie ab. Jetzt wird der Starregisseur Danny Boyle siebzig.

Bei Online-Umfragen ist höchste Vorsicht geboten. Methodenforscher und auch die CDU-nahe Adenauer-Stiftung weisen darauf hin. Trotzdem lud sich die CDU die Klick-Demoskopen von Civey zu ihrer Krisen-Klausurtagung.

Quelle: FAZ ›

Kommentare (0)

Noch keine Kommentare.

Kommentare werden vor der Veröffentlichung geprüft.
Gustav Falke gestorben: Kritik als Selbstversuch
Kultur

Gustav Falke gestorben: Kritik als Selbstversuch

Am Urteil ist zuletzt immer der Maßstab das Interessante. Gustav Falke hatte das Handwerkszeug der Kritik durch das Studium Hegels gelernt. Mit 68 Jahren ist der Philosoph und Musikschriftsteller in Berlin gestorben.

FAZ Negativ
Martin Suter: Bestsellerautor hat keine Angst vor KI-Literatur
Kultur

Martin Suter: Bestsellerautor hat keine Angst vor KI-Literatur

KI sei Wissen, nicht Intelligenz, sagt der Schweizer Autor Martin Suter. Gefühle zu haben, sei der Trumpf im Ärmel der Autorinnen und Autoren. Aber etwas beruhigt den 78-Jährigen dennoch angesichts der Entwicklung.

Spiegel Positiv