Frieze-Messe in London: Begegnungen auf Augenhöhe
Die Kunstmesse Frieze in London richtet ihren Blick auf den globalen Süden und stellt Identitätsfragen. Konservativ bleibt bei dieser Verlagerung der Gewichte aber eines: die Vorliebe der Sammler für meterhohe Leinwände.
Statt „Klein ist schön“ scheint auf der 24. Ausgabe der Londoner Kunstmesse Frieze das Motto „Groß sein ist besser“ zu gelten. Zumindest, was die Malerei betrifft, die dieses Mal im Wettstreit der Künste eindeutig Vorherrschaft über die Skulptur hat. Wo immer man in die Gänge des gewaltigen Zelts schaut, unter dem rund 170 Galerien aus mehr als 40 Ländern versammelt sind, fällt der Blick auf meterhohe Leinwände. Viele kommen frisch von der Staffelei und fanden schon am ersten Tag Absatz. Darunter sind – für jeweils mehr als eine Million Dollar – sechs großformatige, Farben und abstrakte Formen in wildem Getümmel zusammenbringende neue Gemälde von Albert Oehlen am Stand der Gagosian Gallery sowie zwei fast drei Meter breite Ölgemälde bei David Zwirner: eines aus einer Serie von überaus stofflich wirkenden Satinkegeln des belgischen Malers Michaël Borremans (1,5 Millionen Dollar) und eine surrealistische Badeszene (400.000 Dollar) der erst 28 Jahre alten Amerikanerin Sasha Gordon, die das „Time“-Magazin als eine der 100 weltweit aufsteigenden Stars des Jahres identifizierte. Junge Kunst in Auseinandersetzung mit älterer Die aus Kolumbien stammende Ilana Savdie liebt ebenfalls Großformate. Bei White Cube hat die in den USA besser bekannte Malerin mit einer Solo-präsentation nun eine europäische Plattform. Die Galerie zeigt ihre Arbeiten im Dialog mit kleinformatigen Werken von Künstlern wie Gustav Klimt, Leonor Fini, Alexander oder Hans Bellmer, von denen die schwungvollen, grellbunten Kompositionen aus Acryl, Öl und Bienenwachs inspiriert sind. Wie bei Savdie, deren fünf bis zu 300.000 Dollar teuren Gemälde allesamt verkauft sind, steht auch bei der Brasilianerin Márcia Falcão die Erkundung des eigenen Körpers im Zentrum. Ihre fünf zwischen 30.000 und 60.000 Dollar kostenden Werke wurden gleich von Käufern weggeschnappt, eines von einer deutschen Institution. Am Stand von Fortes d’Aloia & Gabriel sind Falcãos in dichten, erdigen Tönen gemalten Leinwände das Erste, was der Besucher beim Betreten der Frieze sieht. Die prominente Platzierung der Galerie mit Sitz in São Paulo und Rio de Janeiro signalisiert das Interesse der Messe an identitären Fragen. Das wird bei der parallel stattfindenden Frieze Masters mit einem von der Kunsthistorikerin Anke Kempkes kuratierten LGBTQ-Motiv unter demselben Begriff „Queer Modernism“, den im vergangenen Jahr ihre Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen trug, ebenfalls bekundet. In diesen Rahmen passen zwei Gemälde von Lotte Laserstein, die Agnews verkauft hat, sowie eine Auswahl von Porträts aus dem Nachlass von Alice Neel, die Victoria Miro und Zwirner zusammengestellt haben. Drei davon wurden für insgesamt fünf Millionen Dollar am ersten Tag veräußert. Auch das Publikum verändert sich Mit der identitären Vielfalt geht auch das Bestreben einher, die internationale Reichweite besonders in den globalen Süden hinein zu erweitern. Letzteres spiegelt sich in der vermehrten Präsenz von Galerien und Künstlern aus diesen Weltregionen ebenso wie in der Zusammensetzung des Publikums. VIP-Buchungen aus Brasilien sind seit dem vergangenen Jahr um 36 Prozent angestiegen. Aus dem Nahen Osten und Nordafrika, aus Südostasien und dem südostasiatischen Raum haben sich dieses Mal jeweils gut 20 Prozent mehr VIPs angemeldet. Auch der Zuwachs an indischen Galerien seit 2009, als Project 88 aus Mumbai die erste Teilnehmerin von dem Subkontinent war, macht sich stark bemerkbar. Das Bedürfnis nach Vielfalt findet bei den institutionellen Erwerbungen ebenfalls Niederschlag. Dank eines zur Eröffnung der Frieze lancierten, von der Mäzenin Dasha Shenkman mit einem Jahresetat von 30.000 Pfund ausgestatteten Fonds zur Förderung junger Künstler durch öffentliche Sammlungen konnte das Abbot Hall Museum in Kendal drei Werke von Okiki Akinfe anschaffen, die sich mit Darstellung und Wahrnehmung schwarzer britischer Identität aus feministischer Perspektive befasst. Die Contemporary Art Society, die in Zusammenarbeit mit Frieze regionale Museen beim Ankauf zeitgenössischer Kunst unterstützt, hat der Whitworth Gallery in Manchester den Erwerb von drei Werken von Künstlerinnen ermöglicht, darunter bei Spüth Magers eine Buntstiftzeichnung von Gala Porras-Kim, die sich mit der Frage auseinandersetzt, wie die museale Klassifizierung von Objekten das kulturhistorische Narrativ bestimmt. Frieze London und Frieze Masters, The Regent’s Park, London, bis zum 18. Oktober, Kombiticket 98 Pfund
Quelle: FAZ ›
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