Kölner Museumskrise: Geschichtsblind
Ist Köln vom Reichtum seiner Kulturgeschichte überfordert? Das Römisch-Germanische Museum ist wegen Sanierungsarbeiten seit Jahren geschlossen, jetzt droht der Interimsausstellung aus Kostengründen dasselbe Schicksal.
Köln, die Römerstadt am Rhein, ist zu Recht stolz auf die Kunst- und Kulturschätze, die sich im Laufe einer bald zweitausendjährigen Stadtgeschichte angesammelt haben. Aber leider scheint die Fähigkeit bedroht, sich dieses Erbes als würdig zu erweisen und es zumindest in Teilen angemessen zu präsentieren. Das Römisch-Germanische Museum (RMG), das seit 1974 an denkbar herausgehobener Stelle, nämlich direkt neben dem Dom, untergebracht ist, wurde 2019 wegen Sanierungsarbeiten geschlossen und soll frühestens Ende 2030 wiedereröffnet werden. Die Kosten für die Ertüchtigung des denkmalgeschützten Gebäudes, das auf einen Entwurf der Architekten Heinz Röcke und Klaus Renner zurückgeht, sind von den anfänglich veranschlagten gut 40 auf geschätzte 177 Millionen Euro angestiegen. Die Sanierungsdauer hat sich fast verdoppelt: von sechs auf voraussichtlich elf Jahre. Seit Ende 2019 ist das RMG interimistisch im sogenannten Belgischen Haus in der Nähe des Neumarkts untergebracht, wo zumindest eine Auswahl der reichen Bestände gezeigt werden kann. Aber jetzt will die Stadt das Interim aus Kostengründen schließen. Der Finanzausschuss der Stadt hat mit den Stimmen von Grünen, CDU und SPD eine entsprechende Empfehlung ausgesprochen, der der Stadtrat in seiner Sitzung am 12. November voraussichtlich folgen wird. Ist Köln auf dem römischen Auge plötzlich blind geworden? Es geht um 500.000 Euro pro Jahr, also um etwa 1,5 Millionen, die sich bis zur angestrebten Wiedereröffnung Ende 2030 einsparen ließen. Man soll Kulturinstitutionen nicht gegeneinander ausspielen, aber das Rechenexempel ist einfach zu verführerisch: Mit den 1,5 Milliarden Euro, die Köln für die Opern- und Schauspielsanierung veranschlagen muss, könnte man die Miete für das Interim im Belgischen Haus noch ein gutes Weilchen bestreiten, nämlich 3000 Jahre lang. Die Empörung in der Kulturszene ist groß, nicht nur in Museumskreisen. Dass die Besucherzahlen zurückgegangen sind, wie jetzt von der Kommunalpolitik beklagt wird, war zu erwarten. 2018, im letzten Jahr vor der Schließung, waren es noch gut 190.000 Besucher, nach dem Umzug ins Interim fanden 2025 nur noch etwa 35.000 Interessierte den Weg ins Belgische Haus. Weitaus schwerer wiegt ein anderes Argument: Vieles spricht dafür, dass die Einsparung weit geringer ausfallen dürfte als angestrebt. Einsparungen in Höhe von 1,5 Millionen Euro stehen bislang noch nicht durchgerechnete Kosten für Räumung, Transport und Lagerung der Interimsausstellung gegenüber. Außerdem fallen Einnahmen aus dem Verkauf der Eintrittskarten weg und neue Kosten für die Unterbringung der Verwaltung an. 1,5 Millionen Euro, wer wüsste das besser als die Kölner, sind im unbarmherzigen Licht der Verhältnisse rasch zusammengeschmolzen. Das Stadtmuseum befindet sich in einem Interim, das Museum für Angewandte Kunst ist gegenwärtig nur zum Teil zugänglich, das Wallraff-Richartz-Museum für mehrere Jahre komplett geschlossen. Köln hat mehr Kulturschätze, als die Stadt verkraften kann.
Quelle: FAZ ›
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