Mithu Sanyal: Sind die deutschen Politiker allesamt kriegslüstern?
Die Bestsellerautorin Mithu Sanyal beklagt wortreich die „Militarisierung“ der Gegenwart. Doch wie soll man umgehen mit einem Regime, das um jeden Preis Krieg führen will? Ihr Schweigen dazu ist symptomatisch.
„Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht“ – am Morgen des 24. Februars 2022, beim russischen Überfall auf das Nachbarland Ukraine, klang das für eine Außenministerin der Bundesrepublik Deutschland erstaunlich unvorbereitet, ja naiv, aber wohl kaum nach aggressiver Kriegslust. Auch Mithu Sanyal, bekannt durch die originelle Romanparodie „Identitti“, erlebt eine andere Welt: „Wenn man Zeitung liest oder Tagesschau guckt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, es jucke allen in den Fingern, lieber heute als morgen nach den Waffen zu greifen.“ Woher dieser Eindruck? „Die gesamte Bonner Republik der westdeutschen Jahre bis 1989 tat alles, um sich vom Militarismus der Kaiserzeit und erst recht von den Verbrechen der Wehrmacht abzugrenzen.“ Bis 1989, das heißt, danach nicht mehr. Zwar wurde die Wehrpflicht 2011 ausgesetzt, die Bundeswehr kaputtgespart, über die Eroberung der Krim und die Bombardierung der syrischen Bevölkerung um des lieben Friedens willen hinweggesehen, für die Ukraine Hilfe durch 5000 Helme erwogen, jeder einzelne Panzer erst nach zähem Widerstand geliefert, die Autorin ficht das nicht an; sie sagt Nein zur „Militarisierung der Gegenwart“. Eine Schriftstellerin wählt ihre Worte bewusst, zielt genau mit ihrer rhetorischen Verachtung. Nein, nicht auf die Kommandeure eines Angriffskrieges, vielmehr auf das heimische Personal, dem sie Übles zutraut: „Nun leben wir nicht im Krieg – trotz Friedrich Merz’ Orakeln“ und „so inbrünstig Friedrich Merz auch eine neue ‚Sprache der Machtpolitik‘ fordert“; „auch für Boris Pistorius verwandelten sich die Tomahawks in mythische Objekte der Begierde“. Man muss weiß Gott kein Verehrer sein von diesen oder anderen Politikern, doch wohl keinen aufmerksamen Zeitungsleser überzeugt das surreale Schreckensbild von Baerbock, Merz oder Pistorius als kriegslüsterne Militaristen. Kann man all das noch ignorieren als szenetypische Rhetorik? Nein, es ist längst symptomatisch für Positionen, mit denen „Friedensparteien“ inzwischen Landtagswahlen gewinnen. Sanyal protestiert gegen eine „veröffentlichte Meinung“, die den „Diskurs darauf reduziert, welche Waffen wir liefern sollen und wie viele und wann“, und die offenbar zwecks ideologischer Absicherung den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels („mir blutet das Herz“) noch „an einen Historiker wie Karl Schlögel“ verleiht: Politik, „die Medien“ und Friedenspreisträger verschworen, um „jedes Sprechen über Frieden verdächtig“ zu machen. Natürlich, auch diese Autorin sitzt prompt in der selbst gestellten Querdenker-Falle, denn auch sie muss ja die berüchtigte „Verengung des Diskursraums“ keineswegs in einem minoritär-widerständigen Samisdat beklagen, sondern tut es („Let’s talk about Meinungsfreiheit“) unbehelligt in einem hochangesehenen und reichweitenstarken Verlagshaus. Frei von Selbstreflexion „Es geht mir in diesem Essay nicht um eine Einordnung aktueller (oder hoffentlich vergangener) Kriege, sondern darum, zu konstatieren: Egal, wie wir diese Kriege einschätzen, ist mehr Krieg nicht die richtige Antwort.“ Merkwürdiger Pazifismus, der nichts sagen will über die Kriege dieser Welt! Aber ist Mithu Sanyal überhaupt Pazifistin? Sicher in dem populären Spektrum zwischen Wagenknecht und Weidel, wo es genügt, „für den Frieden“ zu plakatieren und „gegen den Krieg“. Gäbe es nicht andere Frauen zum Vorbild? Etwa Simone Weil und ihre schmerzhafte, selbstkritische Auseinandersetzung mit der quälenden Frage, was Einsatz für den Frieden noch heißen kann, wenn der Krieg bereits beginnt. Von Selbstreflexion ist bei Sanyal keine Spur. Was aber mangelndes Reflexionsvermögen ist und was propagandistische Trickserei, sei dahingestellt. Durchweg ist Sanyal (und wohl auch ihrer Leserschaft) keine Plattitüde zu platt und auch kein noch so bizarrer innerer Widerspruch. Seite 9: „Ich bin nicht naiv und denke, es reicht, sich einfach nur Frieden zu wünschen, und alles wird gut.“ Seite 165: „Oder mit den Worten von John Lennon und Yoko Ono: WAR IS OVER. If you want it.” Und was verleitet gerade sie, sich auf Lesefrüchte aus Kants „Zum ewigen Frieden“ zu berufen: „Irgendein Vertrauen auf die Denkungsart des Feindes muss mitten im Kriege noch übrig bleiben, weil sonst auch kein Friede abgeschlossen werden könnte, und die Feindseligkeit in einen Ausrottungskrieg (bellum internecinum) ausschlagen würde.“ Das zitiert eine Autorin, die demokratisch gewählten Politikern des eigenen Landes nicht einmal versuchsweise das Vertrauen entgegenbringt, sie könnten moralischere Motive für ihre Politik haben als die Lust an Waffen und Krieg. Im Gegenteil, jede Äußerung von missliebiger Seite verdreht sie im schlechtestmöglichen Sinne. Selbst wenn man ihm widerspräche, aber Winfried Kretschmanns „Pazifismus heißt jetzt aufrüsten“ zu begreifen wäre nicht schwer. Stattdessen schöne, folgenlose Worte: „Ich würde sogar so weit gehen, dass die Vereinfachung von Konflikten auf Gut/Böse, Wir/Die Anderen, Licht/Finsternis der Kern des Problems ist.“ Wer will da nicht applaudieren! Zweiunddreißigmal nennt Sanyal den Namen Gaza, und wahrlich, wer diesen furchtbaren Krieg nicht auf Gut und Böse reduziert, ist erschüttert von den Schrecken, den entsetzlichen Opfern, die erst das rassistische Massaker der palästinensischen Hamas gefordert hat, dann Israels beispiellos mörderische Antwort. Zweiunddreißigmal Gaza Sanyal gibt sich schockiert, „weil wir nicht mit gleicher Menschlichkeit über unser aller Kinder schreiben und sprechen, weil wir generell nicht mit gleicher Menschlichkeit in alle nur denkbaren Richtungen sprechen“, aber sie bringt tatsächlich das Unmögliche fertig, zweiunddreißigmal Gaza zu nennen, aber nie, auch nicht ein einziges Mal den 7. Oktober. Was ist das für ein Feminismus, der kein Wort verliert über die massenhafte Vergewaltigung, Verstümmelung jüdischer Frauen? Sanyals Parteinahme ist konzessionslos, ihr „Vertrauen auf die Denkungsart des Feindes“ gleich null und die Glaubwürdigkeit ihrer menschlichen Empörung ebenfalls. Was b…
Quelle: FAZ ›
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