Politische bücher: Russland, von Deutschland erfunden
Die Politikwissenschaftlerin Gwendolyn Sasse hat mit sozialwissenschaftlichen Methoden untersucht, warum viele Deutsche Putin und sein System immer noch gut finden.
Wie kommt es, dass Wladimir Putin von vielen Deutschen noch mit Sympathie betrachtet wird? Und warum wird Russland trotz Diktatur und Krieg von einem beträchtlichen Teil der Deutschen positiv gesehen? Die Politikwissenschaftlerin Gwendolyn Sasse hat sich dieser Frage angenommen. Sie stellt fest, dass selbst „ein Krieg von zuvor unvorstellbaren Dimensionen, der bereits Hunderttausende das Leben gekostet hat“, es bisher nur in Ansätzen vermocht hat, den deutschen Blick auf Russland zu verändern. Immer noch verhinderten Scheuklappen, das autoritäre System Putins zu erkennen und den imperialen Expansionsdrang Russlands wahrzunehmen. Selbst der Schock, den Moskaus Angriff auf die Ukraine vom 24. Februar 2022 auslöste, habe in Politik und Gesellschaft nur bedingt zu selbstkritischer Reflexion darüber geführt, welche Entscheidungen der deutschen Russland-Politik falsch waren und welche Illusionen die Deutschen sich über das Moskauer Regime machten. Sasse nennt diese Bestandsaufnahme „verstörend“. Warum aber ist das so? Eine Antwort sucht Sasse, Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und Internationale Studien (ZOiS) in Berlin, mit sozialwissenschaftlichen Methoden. Sie hat mehrere repräsentative Umfragen, moderierte Diskussionen in Fokusgruppen und Tiefeninterviews mit einzelnen Personen führen lassen, teilweise unter Einsatz von KI. Mit ihrem Ansatz will sie „normale Menschen“ zu Wort kommen lassen. Sie äußern ihre Assoziationen und Ansichten zu Putin und Russland, ihre Gefühle von Sicherheit und Unsicherheit. Die Aussagen der befragten Personen machen einen großen Teil des Buches aus, was die Lektüre mitunter anstrengend macht. Da das Projekt schon 2019 begann, kann Sasse beschreiben, was sich nach dem Überfall Russlands von 2022 veränderte. Russland als großer Bruder und Beschützer Ein großer Teil der Ergebnisse bestätigt, was bisher bekannt ist oder vermutet wurde. So ist vor der russischen Aggression von 2022 der Anteil der Menschen, die in Putin einen „effektiven Präsidenten“ sehen, in Ostdeutschland höher als im Westen der Republik. Manche Befragte nennen ihn einen „charismatischen Führer“, der zu seinem Wort stehe und etwas für das Volk tun wolle. Der Anteil, der Putin als Bedrohung wahrnimmt, ist wiederum im Westen höher als im Osten. Nach 2022 ändert sich das Bild der Deutschen von Putin und Russland. Der russische Herrscher wird jetzt weitgehend negativ gesehen, die überwiegende Assoziation der Deutschen mit Russland ist nun der Krieg. Positive Assoziationen sind weiter unter Anhängern der AfD zu finden. Es ist die einzige Partei, die ihr Programm nach 2022 in Bezug auf Russland nicht verändert hat, sondern weiter gegen Sanktionen und für eine Wiederaufnahme russischer Energieimporte eintritt. Viele AfD-Anhänger, die früher Putin als durchsetzungsstark und wegen seines autoritären Führungsstils gelobt haben, projizieren jetzt allerdings diese Eigenschaften auf einen anderen Führer: Donald Trump. Die Gründe, warum viele Ostdeutsche anders auf Russland schauen als Westdeutsche, sind vielfältig – und zwiespältig. In der DDR gab es eine erzwungene Nähe zur Sowjetunion. Die Schüler mussten Russisch lernen. Nur wenige wollten es. Und die meisten beherrschten die Sprache auch nach mehreren Jahren Unterricht nicht einmal so weit, dass sie ein einfaches Gespräch führen konnten. Zugleich war die Mitgliedschaft in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) verpflichtend. Aber auch erzwungene Nähe kann wirken. Die DDR sei ja so klein gewesen, „einen solchen großen Bruder zu haben, da kann dir nichts passieren“, erinnert sich ein Gesprächsteilnehmer an die emotionale Nähe zur Sowjetunion, die er als Kind verspürt habe. Sowjetische Rekruten galten als „arme Schweine“ Sasse stellt die These auf, dass die größere Nähe der Ostdeutschen gegenüber den einstigen Besatzern auch damit zu tun habe, dass die Ideologie der DDR, die damals unter den Bürgern nur mäßig erfolgreich war, im Nachhinein wirkmächtig wird. Nicht nur Erinnerungen an die DDR-Zeit würden geschönt, sondern auch die damalige Ideologie und ihre Propagandawerkzeuge. „Das, was sich zu DDR-Zeiten nicht umsetzen ließ, gelingt über drei Jahrzehnte später“, schreibt Sasse. Ideologische Formeln und Floskeln, die das gewünschte Miteinander von DDR und Sowjetunion betrafen, ließen sich heute in den Ruf nach friedlichen Beziehungen mit Russland ummünzen. Dadran mag etwas sein. Wichtiger scheint aber das im Osten verbreitete Gefühl zu sein, dass es besser sei, sich mit Russland nicht anzulegen. Es ist wohl die Angst vor „den Russen“, die bis heute in Ostdeutschland stärker wirkt als in den westdeutschen Bundesländern. Die Überzeugung, dass die Großmacht ohnehin am längeren Hebel sitzt und gegen sie nichts ausgerichtet werden kann, hat sich anscheinend überliefert. Zugleich sahen viele DDR-Bürger, wie aus den dokumentierten Diskussionen hervorgeht, die einfachen sowjetischen Rekruten in der DDR als „arme Schweine“, die unter erbärmlichen Bedingungen dienen mussten und von ihren Offizieren misshandelt wurden. Zugleich begegneten sie den Besatzern mit einem gewissen Überlegenheitsgefühl. Viele Ostdeutsche sehen zudem eine Parallele, wenn es um die oft schwierigen Erfahrungen geht, die sie und die Russen nach dem Systemwechsel und der Transformation durchmachten. Die Unterschiede zwischen russischem Raubtierkapitalismus und der Transformation in der ehemaligen DDR sind zwar groß; doch das Gefühl, dass „der Westen“ schuld sei, scheint dennoch stark. In diesem Zusammenhang wirkt der staatlich verordnete Antiamerikanismus aus DDR-Zeiten nach. Die Skepsis gegenüber der NATO, den USA und dem Westen ist in den ostdeutschen Ländern groß – und sie vermischt sich heute gesamtdeutsch mit dem linken Antiamerikanismus westdeutscher Prägung. Sasse macht eine Einschränkung, wenn es um die positivere Einstellung zu Russland in Ostdeutschland geht: Die Erfolge der russlandaffinen Parteien AfD und BSW seien zwar in Ostdeutschland größer, aber sie gehörte…
Quelle: FAZ ›
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