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„Rubber Soul“-Neuauflage: Als die Beatles lernten, „ich“ zu sagen

Schon mit „Rubber Soul“ machten die Beatles 1965 Epoche, indem sie das Tonstudio als Instrument nutzten. Auf der neuen, historisch-kritischen Ausgabe des Albums ist die Entstehungsgeschichte mitzuhören.

„Rubber Soul“-Neuauflage: Als die Beatles lernten, „ich“ zu sagen

Wenn es zutrifft, dass 1965 das Jahr war, in dem die Rockmusik einen gewaltigen Schub erfuhr, dann wurde der, außer von der gleichsam in der Luft liegenden, sich so verschwenderisch äußernden Kreativität, auch von der vergleichsweisen Übersichtlichkeit der Szene begünstigt. Es gab einfach noch nicht so viel. Wer ambitioniert war und Ideen hatte, konnte leichter bahnbrechend wirken als heute. Gegenseitige Orientierung und Beflügelung ergaben sich dabei oft schon von selbst. Im Rückblick frappiert es, wie viele wichtige, wirklich etwas Neues zu sagen habende Platten just in diesem einen Jahr erschienen, an dessen Ende das Gedränge besonders groß war: Kracher wie „Out Of Our Heads“ von den Rolling Stones, „The Kink Kontroversy“ von den Kinks, „My Generation“ von den Who, allein drei von den Beach Boys, die ersten beiden, den drogeninduzierten Folkrock begründenden Byrds-Alben sowie „Bringing It All Back Home“ und „Highway 61 Revisited“ von Bob Dylan, der auf Strom umgeschaltet und eine richtige Band hinzugezogen hatte. Es ist deshalb in allerbester Ordnung und keineswegs (nur) auf Geldschneiderei zurückzuführen, wenn Universal Music (Parlophone/Capitol Records/Apple Records) nun ein Album neu – neu in Mono und in Stereo abgemischt von George Martins Sohn Giles und mit bisher unveröffentlichten sogenannten Outtakes – herausbringt, das unter diesem für sich genommen schon sagenhaften Ausstoß noch einmal eine herausragende Stellung einnimmt: „Rubber Soul“ von den Beatles, veröffentlicht am 3. Dezember 1965 in Großbritannien (am 6. in Amerika und am 7. in Deutschland). Dass dieses Album auf den ewigen Bestenlisten immer erst hinter „Revolver“ und „Sgt. Pepper“ auftaucht, ändert daran nichts. Sie lernten, „ich“ zu sagen Die Rockmusik schwang sich damals nicht nur zu mehr Energie, Härte und Aggressivität auf, sondern lernte auch, „ich“ zu sagen. Die Subjektivierung des Songwritings nahm, außer in Dylan, auf dieser einen Platte, mit der die Beatles in die Phase ihrer absoluten Meisterschaft eintraten, ihre damals wohl gültigste Frühform an. Natürlich war der Übergang dazu fließend und vollzog sich schon auf „Help!“, das im August herausgekommen war und immerhin Paul McCartneys „Yesterday“ enthielt. Auf „Rubber Soul“ aber war ein für alle Mal Schluss mit den schlagerkompatiblen, unverbindlichen Liebeserklärungen; die lyrics wurden persönlicher und tiefer, mehrdeutig, spielerisch, ironisch. „I always took the songs personally. To me, I always meant it. I always wrote about myself. I’m a first-person journalist“: Was John Lennon für sich reklamierte, galt nun auch für die übrigen drei. Das nunmehr voll entwickelte Selbstbewusstsein, das die Beatles freilich nicht für sich gepachtet hatten, teilt sich schon über das Cover mit, dessen versehentlich verzerrte Räumlichkeit absichtlich so belassen wurde. Zwar zeigte schon „Beatles For Sale“ keine unbeschwert blödelnden Junggesellen mehr; aber auf dem kompletten von dem Fotografen Robert Freeman besorgten „Rubber Soul“-Shooting ist der letzte Rest an Beflissenheit, dem Publikum mit Charme und Witz zu gefallen, geschwunden; es sind Musiker, denen die Reifung am Gesicht anzusehen ist und die einen gelassenen Ernst ausstrahlen, der sich aus künstlerischem Rang zuweilen ergibt. Kühl-reserviert, seltsam anheimstellend, ja fast herablassend präsentieren sie dem Publikum ihr neues Werk. Die Rollkragenpullis, die sie dabei anhaben, markieren einen intellektuellen Anspruch, den sie mit ihrer Musik einlösen. Und so eine braune Wildlederjacke wie hier zog Dylan erst auf dem Cover von „Blonde On Blonde“ (1966) an. Solche Äußerlichkeiten gehörten absolut dazu und sind Ausdruck gestiegener Selbstsicherheit. Man gab sich in den Bekleidungsgeschäften vor allem an der Londoner King’s Road die Klinke in die Hand; die meisten britischen Rockmusiker waren dedicated followers of fashion, wie Ray Davies es in dem Kinks-Stück voller Selbstironie formulierte, und betrachteten ihre Garderobe als integralen Bestandteil ihrer Gruppenidentität, bei deren Pflege nichts dem Zufall überlassen wurde. Das Album als Gesamtkunstwerk Zuvörderst äußerte sich diese aber in der Musik. Mit diesen, in der europäischen Version, 14 Akustikfolk-, Folkrock-, harten Beat- und Soul-injizierten Titeln, von denen „Drive My Car“, „Norwegian Wood“ und „Michelle“ immer noch die bekanntesten sein dürften, haben die Beatles die bis dahin vor allem als Singlesammlung gehandelte Schallplatte als (Gesamt-)Kunstwerk mit etabliert. Und auch wenn die Finesse danach noch gesteigert wurde – hier war, wahrscheinlich erstmals, die Komplexität zu erleben, zu der die Rockmusik, geeignetes Personal vorausgesetzt, damals fähig war. Keine andere bedeutende Band hat sich innerhalb so kurzer Zeit dermaßen weiterentwickelt, ohne dabei Anspruch gegen Massenwirksamkeit auszuspielen. „Rubber Soul“ war innerhalb dieser Entwicklung die vielleicht entscheidende Wegmarke. Angesichts seiner bei aller stilistischen Vielfalt bemerkenswerten Ge- oder sogar Abgeschlossenheit mag es stimmig erscheinen, dass die Beatles nach dem fast noch volkstümlichen „Help!“-Coup künstlerisch in Sphären aufbrachen, in denen sie einen bis heute anhaltenden, wahrscheinlich ewigen Respekt genießen, sozial aber zunehmend isoliert waren. Dies im Hinterkopf, könnte man geneigt sein, dem Album eine Art Klaustrophobie zu attestieren, obwohl die Beatles nach so vielen Seiten hin offen waren. Jedenfalls hatten sie die Latte für die Konkurrenz nun beängstigend hoch gelegt. Rein aufnahmetechnisch konnte Dylan, dessen Ehrgeiz eher in der allerdings revolutionären Lyrik lag und der sich mit seinem gerade erarbeiteten hart-aufsässigen, aber nicht eigentlich anspruchsvollen Sound zufriedengab, hier nicht mithalten. Dass er just in jener Zeit zusammen mit den Beach Boys und den Byrds trotzdem den Maßstab abgab, an dem die Beatles sich ihrerseits ausrichteten – besonders der „Subterranean Homesick Blues“ war eine Initialzündung –, hatte auch mit der allgemein herrschenden…

Quelle: FAZ ›

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