Schäden durch Gewalt und Plünderungen: Frankreichs böses Erwachen nach den Unruhen
Die Regierung verhängt Ausgangssperren, verspricht ausgeraubten Händlern Hilfe – und versucht, Plünderware aus dem Netz zu verbannen. Wie sieht die vorläufige Schadensbilanz aus?
Der Inhaber des Afro-Salons „Thair“ war da, als sie kamen. Betrübt schildert er, wie sich die Plünderer ans Werk gemacht haben – erst am vergangenen Samstag und dann ein weiteres Mal am Sonntag. „Sie kennen meinen Laden, sie kennen mich“, antwortet er auf die Frage, ob auch bei ihm geplündert worden sei. Weitere Worte über die Täter will er nicht verlieren, ganz so, als sei es ihm unangenehm, verschont worden zu sein. Der Nachbar im Quartier des Halles hatte weniger Glück. Der Schuhladen der Kette „Foot Locker“ ist genauso wie das „Snipes“-Schuhladen gegenüber mit provisorischen Holzplatten verbarrikadiert. Darauf klebt ein handschriftlich geschriebener Zettel: „Das Geschäft ist geschlossen.“ Der Inhaber von „Thair“ berichtet, wie der benachbarte Laden vor seinen Augen leer geräumt wurde. Zwei Tage nach dem Krawallwochenende stehen Einzelhändler in Frankreich immer noch unter Schock. Landesweit wurden mehr als 3000 Geschäfte zerstört und/oder geplündert. Ausschreitungen hat es auch in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben, aber dieses Maß an Gewalt ist neuartig. Bislang lehnt die Regierung die Verhängung des Ausnahmezustands ab, doch die Forderung danach ist in der öffentlichen Debatte kein Tabu mehr. 1,2 Milliarden Euro an versicherten Schäden Vorerst sollen lokale nächtliche Ausgangssperren für Ordnung sorgen. In Paris wurden sie von Montag, 23 Uhr, bis Dienstag, 6 Uhr, für das Quartier des Halles und die Place de la République verhängt. Rund um diese Hotspots im Herzen der Hauptstadt sind die Spuren der Zerstörung allgegenwärtig. Die Aufräumarbeiten laufen oder haben noch gar nicht begonnen. Von der Tür des verwüsteten Schönheitssalons „Skin Chic“ auf dem Boulevard de Sébastopol sind nur noch die Glassplitter auf dem Boden übrig. In der rue de Turbigo trifft man auf beiden Straßenseiten auf Ascheberge, auf der Place de la République liefen an diesem Dienstag Kärcherarbeiten zur Reinigung der rundum vollgeschmierten Statue. An der Nordseite des Platzes ist von einem ausgebrannten Kiosk nur noch das Gerippe übrig. Die Treppe gegenüber diente Randalierern offensichtlich als Steinbruch. An der Ecke zum Boulevard de Magenta wurde die Fassade entkleidet und ist nicht mal mehr das Straßenschild erkennbar. Ein paar Meter weiter ist ein Kamerateam aus Asien gerade dabei, die Zerstörung zu dokumentieren. Wer in welcher Form für die immensen Schäden aufkommt, lässt sich noch nicht sagen. „Wer zerstört hat, muss dafür bezahlen“, hatte Präsident Emmanuel Macron am Sonntag in seiner Fernsehansprache erklärt. Doch noch laufen die Ermittlungen, und wie viele der Plünderer und Randalierer überhaupt gefasst werden, ist ungewiss. Auch die Schadenhöhe kann bislang nur geschätzt werden. Die Analysten der Ratingagentur Morningstar DBRS bezifferten die versicherten Schäden auf etwas weniger als 1,2 Milliarden Euro. Aufstände und soziale Unruhen wiesen zunehmend Merkmale auf, die traditionell mit Katastrophenrisiken in Verbindung gebracht werden. Vorgehen gegen inserierte Plünderware Kunden des französischen Versicherungskonzerns Axa haben statt fünf 30 Tage Zeit, Schäden zu deklarieren, erklärte der Vorstandsvorsitzende Thomas Buberl im Fernsehsender „BFM Business“. Zudem gebe es eine unmittelbare Liquiditätshilfe und in schwierigen Fällen einen Solidaritätsfonds. „Wenn es einmal passiert, können wir helfen, den Schaden zu beheben, aber wenn es sich wiederholt, bietet die Versicherung keinen Schutz mehr“, betonte Buberl gleichwohl. Der französische Finanz- und Wirtschaftsminister Roland Lescure kündigte am Dienstag nach einem Treffen mit Gewerbetreibenden die Einführung eines zinslosen Darlehens an. Bis zu 50.000 Euro sollen die betroffenen Geschäfte über die staatliche Förderbank Bpifrance beantragen dürfen. Zudem soll es einen speziellen Hilfsfonds für Unternehmen und Geschäfte mit weniger als 50 Beschäftigten geben. Ein Problem für viele Einzelhändler: Absicherungen gegen Einnahmeausfälle durch Betriebsstillstand sind selten. Schon am Montag hatte die Regierung angekündigt, Kurzarbeit für die Mitarbeiter der geschädigten Einzelhändler zu 100 Prozent zu übernehmen. Um Handlungsfähigkeit ist die Regierung auch beim Vorgehen gegen inserierte Plünderware bemüht. Nach einem Treffen mit Vertretern von Onlineplattformen wie Vinted, Amazon und Meta wurden Vereinbarungen getroffen, gegen solche Inserate entschlossen vorzugehen. Schon am Sonntag waren verdächtige Produkte auf den Plattformen aufgetaucht. Die Hinweise verdichten sich, dass am Wochenende professionelle Banden unterwegs waren und gezielt Läden für Sportartikel, Luxusgüter und Elektronik geplündert haben. Das Auswärtige Amt rät deutschen Staatsbürgern bei Reisen nach Frankreich zu „umsichtigem“ Verhalten. An den Stornierungsbedingungen in Hotels ändert das aber nichts.
Quelle: FAZ ›
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