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Stonehenge in München: Der Tag, an dem die Glockenbecherleute kamen

Warum Stonehenge? Eine sehenswerte Ausstellung in der Archäologischen Staatssammlung stellt die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zu dem merkwürdigen Monument vor.

Stonehenge in München: Der Tag, an dem die Glockenbecherleute kamen

Stonehenge wurde einst in Irland von Riesen erbaut. Dann kam der Zauberer Merlin, baute die Steine ab und ließ sie nach Britannien verschiffen, wo er sie auf der Ebene von Salisbury neu errichtete. So berichtet es Geoffrey of Monmouth, ein walisischer Geistlicher des frühen zwölften Jahrhunderts, dem wir zum guten Teil die Sage von König Artus verdanken. Nun ist Geoffreys Erzählung nicht die einzige abwegige Vorstellung darüber, wie es zu dem berühmten Steinkreis in der südenglischen Grafschaft Wiltshire kam, man erinnere sich nur an Erich von Däniken, der in einer 1968 erschienenen Publikation Außerirdische bemühte. Aber was soll man hiervon halten: Stonehenge wurde einst im Südwesten von Wales errichtet, 220 Kilometer Luftlinie von seiner heutigen Position entfernt, dann aber wurden die meisten der dort verbauten, jeweils rund zwei Tonnen schweren Felsblöcke von Steinzeitmenschen nach Wiltshire verbracht, wo sie als sogenannte Bluestones die Erstausstattung von Stonehenge stellten. Ein paar Jahrhunderte später errichteten Steinzeitleute derselben Gruppe fünf torartige Gebilde aus Felsquadern, die sogenannten Trilithe, und umgaben sie mit einem Kreis aus dreißig Pfeilern und ebenso vielen Architraven. Diese Quader, die sogenannten Sarsen, wiegen im Schnitt 25 Tonnen und wurden aus 25 Kilometern Entfernung herantransportiert. Das klingt nicht viel glaubhafter als die Storys von Geoffrey oder Däniken. Eine Landschaft voller Monumente Aber so war es, sagt die Wissenschaft. Umstritten ist allenfalls, ob die Blausteine in Stonehenge wirklich bereits in Wales in einem Steinkreis verbaut waren oder dort lediglich gebrochen wurden. Aber wer waren die Leute, die so etwas zustande brachten? Was bezweckten sie mit dem ersten Kreis aus Blausteinen um 3000 v. Chr. herum, was mit dem gigantischen Ausbau mit den Sarsen etwa 500 Jahre später? Und wie ging es dann weiter, bis die Anlage noch einmal tausend Jahre später ganz aufgegeben wurde? „Stonehenge ist allen bekannt, aber keiner weiß etwas darüber“, sagt der Archäologe Heiner Schwarzberg, Koordinator der Ausstellung in der Archäologischen Staatssammlung in München, die mit einigem aufwartet, das diese Wissenslücke ein Stück weit zu schließen vermag, darunter rund sechshundert Fundstücke, von denen aber nur eine Minderheit vom Gelände der Steinkreisanlage selbst stammt. Denn über Stonehenge kann heute nicht mehr isoliert gesprochen werden. Die Anlage ist Teil einer ganzen Rituallandschaft mit Hunderten Bodenmonumenten, einige davon deutlich älter als Stonehenge. Zwischen 2003 und 2009 hat das „Stonehenge Riverside Project“ die Beziehungen zwischen dem berühmten Bau und seiner Umgebung näher untersucht. Initiiert und geleitet wurde es von Michael Parker Pearson, der heute am University College London lehrt. Parker Pearson ist auch der Kurator dieser bereits 2018 konzipierten Ausstellung, die für ihre Station in München um interessante kontinentaleuropäische Bezüge erweitert und auf den aktuellen wissenschaftlichen Stand gebracht wurde. Stein den Toten, Holz den Lebenden Parker Pearson ging für sein Projekt von einer Hypothese aus. Ihr zufolge stehen die Steine von Stonehenge für ein „Reich der Toten“ und dienten zumindest in den ersten beiden der insgesamt fünf Phasen des Monuments, die sich archäologisch unterscheiden lassen, der Bestattung und Ahnenverehrung. Dem gegenüber steht ein hölzernes „Reich der Lebenden“, das sein Zentrum drei Kilometer weiter östlich hatte: in der Siedlung Durrington Walls und einer benachbarten Anlage namens Woodhenge. Tatsächlich stieß das Riverside Project hier auf eine große Zahl von Tierknochen, offenbar Überbleibsel ausgiebiger Festmähler, während Bestattungen fehlen. Auf dem Areal von Stonehenge ist es umgekehrt: keine Spur von lebendigen Schmäusen oder neolithischem Alltag, dafür die für die Zeit vor 2500 v. Chr charakteristischen Feuerbestattungen. Die Gegenüberstellung von Steinernem und Hölzernem ist auch ein Strukturprinzip der Ausstellung. In dem ersten der drei geschickt ineinander überleitenden Säle begegnet den Besuchern tatsächlich sehr viel Stein, aber auch das typische Werkzeug der Erbauer von Stonehenge. Der zweite Saal, in dem Funde aus Durrington Walls vorherrschen, ist der größte der drei, und er thematisiert die vielleicht nicht mehr als 40 Jahre, in denen diese Siedlung um 2500 v. Chr. herum bewohnt gewesen war, während in Stonehenge die Sarsen aufgerichtet wurden. Hier gibt es auch ein Reenactment-Video, dessen visueller Minimalismus und inhaltliche Originalität sich angenehm von dem abheben, was auch in Ausstellungen zu prähistorischen Themen sonst üblich geworden ist: Eine neolithisch gewandete Schauspielerin trägt in einem Monolog Gedanken vor, wie sie sich die am Bau der Sarsen-Anlage Beteiligten gemacht haben könnten. Die Glockenbecher oder das Ende der Steinzeit Der dritte Saal schließlich thematisiert Stonehenge nach einem tiefgreifenden Umbruch: Um 2450 v. Chr. herum, nur Jahrzehnte nach der Vollendung des Sarsen-Kreises, verschwand die Kultur ihrer Erbauer von der Bildfläche. Denn vom europäischen Festland her hatte sich eine andere Kultur nach England ausgebreitet und die dort angestammte Bevölkerung innerhalb weniger Generationen ersetzt oder absorbiert. Sie kannte bereits die Verarbeitung von Metall und ist nach den glockenförmigen Bechern benannt, die diese Menschen ihren Toten in die Gräber legten. Mit den Neuankömmlingen wurde Stonehenge Teil einer in verschiedenen Regionen Westeuropas blühenden Kultur – die Ausstellung zeigt exemplarisch Funde aus einem Glockenbecher-Grab bei Augsburg und stellt die glockenbecherzeitliche Kreisanlage von Pömmelte bei Magdeburg vor, die ähnliche Abmessungen hatte wie Stonehenge, allerdings mit Strukturen aus Holz. In Stonehenge selbst müssen die Glockenbecherleute dem steinernen Monument zunächst ratlos gegenübergestanden haben. „Die fanden Stonehenge vor, wussten aber nicht, wozu es da ist“, sagt Heiner Schwarzberg. „Sie hoben in der Anlage Gruben…

Quelle: FAZ ›

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