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Tanken mit Kraftstoff E20: Biosprit soll gegen hohe Ölpreise helfen

Der Biokraftstoff E20 soll Klima und Geldbeutel schonen und die Abhängigkeit von globalen Lieferketten verringern. Ganz unumstritten ist E20 jedoch nicht.

Tanken mit Kraftstoff E20: Biosprit soll gegen hohe Ölpreise helfen

Seit mehr als 15 Jahren tanken Autofahrer in Deutschland E10. Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) will nun E20 einführen, einen Kraftstoff mit bis zu 20 Prozent Bioethanol, also doppelt so viel wie E10. Das könnte den CO₂-Ausstoß im Verkehr senken, das Tanken im Idealfall günstiger machen und die Abhängigkeit von globalen Lieferketten verringern. In den USA und Brasilien ist die Ethanolproduktion längst etablierter. Dort fließen rund 40 Prozent der US-Maisernte und gut 50 Prozent des brasilianischen Zuckerrohrs in die Kraftstoffherstellung und bilden damit eine tragende Säule der Agrarwirtschaft. In Deutschland und der EU ist E20 bislang nicht zugelassen. Wegen des höheren Sauerstoffanteils wäre der Verkauf nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz derzeit nicht erlaubt. Technisch sind die Hürden gering: Fahrzeuge, die für E10 zugelassen sind, kommen laut Branche auch mit E20 zurecht, weshalb alle Autos seit 2011 als geeignet gelten. Eine Studie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) ergab, dass gut 96 Prozent der rund 33 Millionen Benziner E10-fähig sind. E20 ließe sich daher ohne Umrüstung in der bestehenden Fahrzeugflotte nutzen. Das hebt der Bundesverband der Ethanolwirtschaft als zentralen Vorteil gegenüber der Elektrifizierung des Verkehrs hervor. Da der Bioanteil von der CO₂-Abgabe befreit ist, könnte der Literpreis um bis zu fünf Cent sinken. Wegen der geringeren Energiedichte steigt der Verbrauch jedoch leicht. Mehr Biokraftstoffe als Chance für die Landwirtschaft? Auch die heimische Landwirtschaft könnte profitieren, so zumindest die Hoffnung. Bioethanol entsteht durch Gärung und Destillation zucker- oder stärkehaltiger Pflanzen wie Weizen, anderem Getreide, Zuckerrüben oder Mais. Derzeit stammt jedoch mehr als die Hälfte des Bioethanols aus dem Ausland. Eine stärkere Nachfrage aus der Kraftstoffproduktion könnte daher die Erzeugerpreise stützen, sind die Verbände überzeugt. Regionale Bioraffinerien könnten dabei verlässliche Abnehmer sein, sagt Alois Gerig vom Bundesverband der deutschen Bioethanolwirtschaft. Besonders attraktiv sei Ethanol, wenn große heimische Ernten auf niedrige Weltmarktpreise treffen, wie in den vergangenen zwei Jahren. Zudem lasse sich minderwertiges Getreide verwerten, das sonst kaum noch als Futter tauge. Ähnlich argumentiert der Deutsche Bauernverband. Die heimischen Bioraffinerien verarbeiteten 2025 etwa 5,9 Prozent der gesamten Getreideernte und 5,6 Prozent der gesamten Zuckerrübenernte. Hier sieht der Verband „Steigerungspotential“, keine Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Das bei der Ethanolproduktion anfallende Futter wertet der Verband als Doppelnutzung. Debatte um „Tank, Trog oder Teller“ bleibt Grundsätzlich lassen sich nicht nur Anbaupflanzen, sondern auch Reststoffe wie Holz, Stroh, Bioabfälle oder Nebenprodukte der Lebensmittelproduktion zu Ethanol verarbeiten. Selbst Traubentrester, also Schalen, Kerne und Stiele aus der Weinproduktion eignen sich für Kraftstoff-Ethanol. Auch die Industrie drängt auf neue Absatzwege. Da der Zuckerkonsum in Europa nicht mehr wächst, sucht Europas größter Zuckerhersteller Südzucker nach Alternativen. Die Tochtergesellschaft Cropenergies betreibt seit Ende 2023 Deutschlands erste E20-Zapfsäule in Mannheim im Testbetrieb. Der Kraftstoff wird im Alltag von der firmeneigenen Fahrzeugflotte der Südzucker AG sowie von Partnern wie Bosch und Volkswagen getankt. Ganz unumstritten ist E20 jedoch nicht. In der Debatte um „Tank, Trog oder Teller“ geht es um knappe Ackerflächen. Was für den Tank angebaut wird, fehlt an anderer Stelle für Lebensmittel. Das sieht auch Agrarökonom Peter Breunig von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf als Kernproblem. „Biokraftstoffe sind unglaublich flächenineffizient“, sagt er. Würde der gesamte Benzinverbrauch auf E20 umgestellt, bräuchte man fünf bis sechs Prozent der gesamten deutschen Ackerfläche zusätzlich. Zudem bliebe die Importabhängigkeit bestehen, da Deutschland dann mehr Lebensmittel importieren müsste, wenn für deren Produktion Fläche fehlt. Breunig wundert sich zudem, dass das Thema Versorgungssicherheit bei Biokraftstoffen von den Verbänden nicht angeführt werde. „Das Argument der Flächenknappheit wird von der Agrarbranche nur genutzt, wenn es dazu dient, die eigene Produktion zu rechtfertigen“, sagt er. Mit Blick auf Länder wie die USA und Brasilien, denen die Ethanolproduktion maßgeblich zum Erfolg des Agrarsektors verholfen hat, gibt er zu bedenken: Die Landwirtschaft mache sich abhängig vom Verkehrssektor.

Quelle: FAZ ›

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