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US-Midterms: Der Kandidat, der zufällig Muslim ist

Mit Abdul El-Sayed haben die Demokraten in Michigan einen linken Muslim ins Senatsrennen im November geschickt. Kann das gut gehen?

US-Midterms: Der Kandidat, der zufällig Muslim ist

Michigan ist ein Laboratorium. Wie sehr sich die Demokratische Partei in den vergangenen Jahren verändert hat, ist in diesem Herbst in dem Bundesstaat im Mittleren Westen zu sehen. Nach zwei Wahlperioden tritt der demokratische Senator Gary Peters nicht mehr an. In den Vorwahlen der Partei hat sich Abdul El-Sayed durchgesetzt. Wird er in den Kongresswahlen im November gewählt, ist er der erste Muslim in der zweiten Kongresskammer in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Vor allem aber stärkt er den linken Flügel der Partei. Zwar zählt er nicht zu Zohran Mamdanis Demokratischen Sozialisten, doch steht er am linken Rand der Progressiven: Er fordert eine gesetzliche Krankenversicherung für alle, die Abschaffung der Einwanderungspolizei ICE und ein Ende der militärischen Unterstützung für den Staat Israel. Nicht jeder in der Partei war glücklich über den Kandidaten. Einige fürchteten, El-Sayed schrecke moderate Wähler ab. Die Demokraten könnten den Sitz in Michigan verlieren und sich der Chance berauben, die Mehrheit in der Kammer zurückzugewinnen. Obama bezieht Stellung Sami Khaldi sitzt an einem sonnigen Oktobertag im „Diwan Café“, einem jemenitischen Lokal in Dearborn. Er ist der Vorsitzende der Demokraten in der Industriestadt nordwestlich von Detroit. Khaldi, der erste arabisch-stämmige Parteivorsitzende in Dearborn, und El-Sayed kennen einander gut. Nicht nur durch die Politik. Khaldi, der ursprünglich aus Jordanien stammt und Ingenieurwissenschaft in Detroit studiert hat, leitet die Bauverwaltung in Wayne County, dem bevölkerungsreichsten Landkreis in Michigan, zu dem Detroit und Dearborn zählen. Und El-Sayed, der Medizin studierte, leitete in der Kreisverwaltung über Jahre das Gesundheitsamt. Trotz des zwischenzeitlichen Gegenwindes für El-Sayed wirkt Khaldi, 59 Jahre alt und Vater dreier Kinder, aber ganz und gar nicht defensiv. Während er an seinem Kaffee nippt, strahlt er eine ruhige Zuversicht aus. Einmal huscht ihm sogar ein triumphierendes Lächeln über die Lippen: Was er gedacht habe, als Barack Obama zugesagt habe, nach Michigan zu kommen und für El-Sayed Wahlkampf zu machen? Das zeige doch, dass die Behauptung, El-Sayed sei linksradikal oder gar antisemitisch, eine Verzerrung durch den politischen Gegner und Teile der Medien sei, sagt Khaldi. Der frühere Präsident habe sein Kommen zugesagt, um die afroamerikanische Wählerschaft, einen wichtigen Teil der Parteibasis, zu mobilisieren. Vor allem bei jungen männlichen Afroamerikanern tun sich die Demokraten im Vergleich zu früheren Jahren schwer. Obamas Zusage war eine Botschaft an das Establishment der Partei: Man möge El-Sayed nicht als Outlaw behandeln. Er gehöre ins „große Zelt“ der Demokratischen Partei. Auch Kamala Harris war schon in Michigan und hat für den Kandidaten geworben. Das Herz der amerikanisch-arabischen Community Das Café liegt unweit der Warren Avenue, des Zentrums der arabischen Community in Michigan. Henry Ford, der in Dearborn geboren wurde, holte vor gut hundert Jahren arabische Arbeiter in seine Autofabriken. Es begann mit libanesischen Christen, bald kamen aber auch Muslime aus dem Jemen, dem Irak, Syrien, Ägypten sowie den palästinensischen Gebieten hinzu. In Dearborn allein, das 110.000 Einwohner hat, sind vierzig Prozent der Bevölkerung arabischer Herkunft. Die Stadt hat damit den höchsten Pro-Kopf-Anteil von Bürgern arabischer Herkunft im ganzen Land. El-Sayeds Eltern stammen aus Ägypten. Sie kamen allerdings nicht als Fabrikarbeiter nach Michigan. Als der Bundesstaat zum Zentrum der amerikanisch-arabischen Gemeinde geworden war, kamen auch andere Einwanderer aus der Region, darunter Akademiker. El-Sayeds Vater studierte in Detroit. Die Eltern ließen sich scheiden, als er drei Jahre alt war. Der heute 41 Jahre alte verheiratete Vater von zwei Töchtern wuchs bei seinem Vater und seiner Stiefmutter auf, die keinen arabischen Hintergrund hat. Später besuchte er Elitehochschulen, Columbia in New York und Oxford. Nach dem 7. Oktober 2023, dem Angriff der Hamas auf Israel, geriet Dearborn ins Zentrum des Wahlkampfs in Amerika. Ein gewichtiger Teil der amerikanisch-arabischen Gemeinde forderte Joe Biden und Kamala Harris auf, ihre Unterstützung für die Regierung von Benjamin Netanjahu, dem sie Völkermord vorwarfen, einzustellen. Sie drohten offen damit, ihnen die Stimme in der Präsidentenwahl zu entziehen, sollten sie ihre Politik nicht korrigieren. Tatsächlich gingen die Wahlleute Michigans ins Trump-Lager. Wie 2024 – nur unter umgekehrten Vorzeichen? Khaldi versucht, das Ergebnis kleinzureden. Die Niederlage der Demokraten damals habe viele Gründe gehabt. Es habe nicht allein an der arabischstämmigen Wählerschaft gelegen. Schließlich habe Trump auch alle anderen Swing States gewonnen. Khaldi glaubt fest an den Sieg El-Sayeds. Dessen republikanischen Gegenkandidaten Mike Rogers nennt er einen „Trump-Jasager“. Der frühere FBI-Agent saß einige Jahre im Repräsentantenhaus. 2024 kandidierte er schon einmal für den Senat, verlor aber gegen die Demokratin Elissa Slotkin. Nun bemüht er sich um den zweiten Senatssitz Michigans; Umfragen sehen El-Sayed allerdings vorne. Dennoch befürchten einige Demokraten, dass sich im November das Szenario von vor zwei Jahren unter umgekehrten Vorzeichen wiederholen könnte. Entziehen die jüdischen Wähler in Michigan, die auch dort mehrheitlich den Demokraten nahestehen, dem muslimischen Kandidaten ihre Stimme? In Oak Park, einem 30.000-Seelen-Städtchen im Umland von Detroit, sitzt Asher Lopatin in der Etz-Chayim-Synagoge. Er ist der Rabbiner der kleinen modern-orthodoxen Gemeinde namens „Baum des Lebens“. Die Gegend nordwestlich von Detroit, vor allem das benachbarte West Bloomfield, ist das Zentrum der jüdischen Gemeinde Michigans. Dass die Demokraten, die der 62 Jahre alte Rabbiner in der Regel wählt, einen Kandidaten nominiert haben, der Israel die Unterstützung entziehen will, bereitet ihm große Sorgen. Er sagt, es gebe vier Lager in der jüdischen Gemeinde Michigans: die An…

Quelle: FAZ ›

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