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Immendorff in Düsseldorf: Wo stehst du mit deiner Kunst, Kollege?

Niedrig sei die Schwelle: Das Museum Kunstpalast in Düsseldorf widmet Jörg Immendorff eine Retrospektive. Es hätte eine fesselnde Werkschau werden können.

Immendorff in Düsseldorf: Wo stehst du mit deiner Kunst, Kollege?

Der Anekdote aus dem Jahr 1966 zufolge hing im berühmten Raum 19 der Düsseldorfer Kunstakademie ein Bild an der Wand, für das Professor Beuys nur ein einziges Wort übrighatte: „Scheißbild“. Der Student namens Jörg Immendorff war geknickt und überschmierte es mit dem Appell „Hört auf zu malen“. Als der Mann mit dem Filzhut zurückkam, kommentierte er es wiederum nur mit einem Wort: „Spitzenbild“. Bis heute gehört es zu bekanntesten Werken Immendorffs. Der hatte es am Ende so weit gebracht, mit dem staatstragenden Kanzlerporträt beauftragt zu werden. Immendorff huldigte Gerhard Schröder, der wie er selbst aus kleinen Verhältnissen stammte, in der nobilitierenden Rundform des Tondos und gab den Kanzler a. D. als Nationalhelden, wie ein Fritz Walter der deutschen Politik (so kann man sich in einer Männerfreundschaft täuschen). Dazwischen entfaltete sich ein Œuvre, das von der politischen Performance und Provokation zu Melancholie und Schwermut überging, tief in den Fundus der Malereigeschichte bis zur deutschen Renaissance zurückgriff und sich dergestalt ständig wandelte, ohne sich irgendwie untreu zu werden. Immendorff verfügte in malerischer Hinsicht nicht über die Qualitäten wie Markus Lüpertz oder Georg Baselitz, machte aber auch weniger auf Malerfürst, eher auf Anarcho, Prolet und Revoluzzer, ließ etwa einen Arbeiter mal einen Künstler an der Staffelei in einem seiner Bilder fragen: „Wo stehst Du mit Deiner Kunst, Kollege?“ Auch dies ein Gemälde, das sich untrennbar mit dem Namen Immendorffs verbindet. Nach seinem Tod 2007 hinterließ er ein Werk, das in seiner mal dumpfbackigen, dann differenzierten Manier in puncto Breitenwirkung wohl einflussreicher war als das der beiden Kollegen. Und hatte auch seine Skandale wie jenen um Kokainbesitz, für den er sich vor Gericht verantworten musste. Er lavierte zwischen Politkitsch und theatralischer Vitalität Fast zwanzig Jahre nach seinem krankheitsbedingt qualvollen Tod steht das Œuvre des 1945 im norddeutschen Bleckede geborenen Malers und Bildhauers, was Themen und Techniken angeht, immer noch aktuell da. Schon in den späten Siebzigerjahren hatte Immendorff, beflügelt durch die Freundschaft mit dem Dresdner Maler A.R. Penck, in der Werkgruppe „Café Deutschland“ völlig unerschrocken flammende Bilder über die deutsche Teilung und deren Überwindung gemalt, so geschehen in einer Zeit, als dieses Ziel noch als schlechterdings utopisch, wenn nicht – zumal in den maoistisch-linken Kreisen des Künstlers – als reaktionäres Ansinnen galt. Immendorff fand damals zu einem bisweilen grell konturierten Stil zwischen „Politkitsch“ (Benjamin Buchloh) und theatralischer Vitalität. Von seiner ikonographischen Phantasie zeugte die Idee, in großen, ja riesigen Gruppenporträts Köpfe der Zeitgeschichte und seiner persönlichen Umgebung zu versammeln wie Heiner Müller, Bertolt Brecht, Robert Havemann (der DDR-Regimekritiker hinter Stacheldraht) oder eben Penck – und damit ein ebenso persönliches wie politisches Manifest in Szene zu setzen. In diesen drangvollen Bühnenräumen, die sich dem anfänglichen Studium bei dem Bühnenbildner Teo Otto verdankten, demonstrierte der zeitweilige Realschullehrer und spätere Düsseldorfer Akademieprofessor, wie sich politischer Aktivismus in Kunst übersetzen lässt. Bereits in den Sechzigern hatte er sich in Happenings und Aktionen unter dem lautmalerisch-dadaistischen Titel „LIDL“ mit seiner Frau Chris Reinecke für sozialen Zusammenhalt, freie Debatte, direkte Demokratie und friedliche Kommunen starkgemacht. Gelähmt von ALS wurde er zum „Raffael ohne Hände“ Bis heute bemerkenswert und aktuell ist Immendorffs am Ende notgedrungen erprobte Praxis der Malerei in seinen letzten Lebensjahren, nachdem bei ihm die Erkrankung des Nervensystems, ALS, diagnostiziert worden war und er nicht mehr eigenhändig malen konnte. So wies er seine Assistenten an, Bilder nach Vorbildern von Hans Baldung Grien, Bosch, Bruegel und Goya am Computer zu skizzieren und nach seinen Anweisungen auf die Leinwand zu bringen, was ihm den (wohlmeinend übertriebenen Beinamen „Raffael ohne Hände“ eintrug). In Immendorffs Spätwerk ist der allegorische Tod gegenwärtig, und er selbst, so erlebte man ihn in seinem Atelier in der Düsseldorfer Stephanienstraße, blickte dem Tod couragiert, ohne jegliche Larmoyanz ins Auge. Aus all dem hätte man eine fesselnde Werkschau machen können. Vieles tippt die Ausstellung „Immendorff“ im Düsseldorfer Museum Kunstpalast aber nur an, ohne es zu vertiefen. Der Kunstpalast bleibt bei einer niedrigschwelligen Linie, die seit einiger Zeit zum Beispiel darin besteht, die Person des Künstlers in wandgroßen Fotografien in den Vordergrund zu schieben, wogegen sich dann selbst die größten Formate der Malerei zu behaupten haben. In einem unruhigen Ausstellungsdesign sind die Wände mit Erklärtext vollgeschrieben, der in einem Booklet besser aufgehoben wäre, um den Blick auch einmal ungestört zu sich selbst kommen zu lassen. Originale Kunstwerke wie eine Brosche am Revers an diese Fotos zu heften, ist nicht akzeptabel. Gewiss muss man vor dem kleinen Lidl-Holzklotz in Schwarz-Rot-Gold von 1967 nicht niederknien, der seinerzeit von der Polizei konfisziert wurde, als Immendorff ihn in Bonn nahe dem Bundestag hinter sich her schleifte. Aber deshalb muss man ihn ja nicht zum Anhängsel eines dominanten Displays degradieren. Nach wie vor hat die Akademiestadt Düsseldorf ein Kunstpublikum, das eher nicht wegen Blumenbouquet und Dog Day ins Museum geht. Hoffentlich traut das Kunstmuseum Karlsruhe Immendorff bei der anschließenden Station dieser Ausstellung mehr Sprachkraft aus sich selbst heraus zu. Immendorff. Museum Kunstpalast, Düsseldorf, bis 10. Januar 2027, vom 7. März bis 30. Mai 2027 im Kunstmuseum Karlsruhe. Der Katalog kostet 29,80 Euro.

Quelle: FAZ ›

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