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Kolumba Köln: Haben Sie sich schon einmal in eine Uhr verliebt?

Das Kolumba Kunstmuseum des Erzbistums Köln öffnet seine neue Jahresausstellung: „Norm und Abweichung“ zeigt, wie es möglich ist, sich dem Sensationsdruck des musealen Ausstellungsbetriebs zu entziehen.

Kolumba Köln: Haben Sie sich schon einmal in eine Uhr verliebt?

Schon beim Betreten des Hauses wird die besondere Atmosphäre des Hauses spürbar – hohe Decken, dunkles Holz, Leder. Kolumba – ein „Haus für die Kunst“ nannte der Architekt Peter Zumthor das 2009 eröffnete Gebäude. Das Gefühl, die Räume würden atmen, ist hier keine Floskel. Die Materialien, das Licht und die besondere Akustik des Hauses öffnen die Wahrnehmung. Man versuche Räume zu kuratieren, in denen die Kunst selbst in den Raum tritt, sagte Marc Steinmann, der Anfang des Jahres die Leitung des Museums von seinem langjährigen Kollegen Stefan Kraus übernommen hat. Es gehe vielmehr um ein Berührtwerden, als nur das Ausstellen einzelner Werke. Texte und Titel sind in den Räumen nicht zu finden. Der erste Blick gilt dem Werk selbst. Dafür erhält jeder Besucher ein Heft mit ausführlichen Texten, die die einzelnen Werke kontextualisieren. Der Ort ist selbst ist ein Jahrtausendkonstrukt. Die Grundmauern gehen auf ein römisches Haus mit einer im siebten Jahrhundert angebauten Apsis zurück. Daneben wurde im 9. Jahrhundert eine Kirche errichtet, die, mehrfach erweitert, schließlich zu einer fünfschiffigen Kirche umgebaut wurde. So sichtbar wie selten schichten sich die Zeiten aufeinander. Zumthor setzte den Museumsneubau auf die Kirchenruine. Diese blieb dennoch erhalten und hält, ähnlich eines begehbaren Palimpsests, die Schichten der Jahrhunderte offen. Schon hier zeigt sich, wie fragmentarisch Zeit sich fortträgt, und die Ausstellung greift diese Rhythmen auf. Zeit – ein außergewöhnliches und vielschichtiges Konstrukt „Achronie ist nicht das gleichgültige Nebeneinander, sondern eher ein Ineinander der Epochen nach dem Modell eines Stativs.“ schrieb die Literaturwissenschaftlerin und Soziologin Elisabeth Lenk. Dauer – das ist keine messbare Größe, sondern eine Frage der Wahrnehmung. Langes Schauen kann Unerwartetes sichtbar werden lassen. Have you ever fallen in love with a clock?, fragt die titelgebende Arbeit von Finnegan Shannon und weist damit auch auf die Normierung von Zeit hin, die Menschen mit Einschränkungen einen Zugang zum eng getakteten Alltag erschwert. Einmal jährlich wird das gesamte Haus aus den eigenen Beständen neu bespielt. Es lohnt ein Blick auf die Sammlung. Diese reicht von der Spätantike bis in die Gegenwart. Schon 2000 ging mit der Schenkung des Sammlers Carl Härle aus Mülheim an der Ruhr eine umfangreiche Sammlung mittelalterlicher und barocker Kunst an das Museum. Das Medium Buch ist, für ein Kunstmuseum nicht üblich, Schwerpunkt der Sammlung. Mit der Schenkung Renate Königs ging 2017 eine bedeutende Sammlung mittelalterlicher Buchmalerei an das Museum. Zuletzt gelangte 2025 das gesamte verlegerische Werk von Josef Kleinheinrich in die Sammlung. Außerdem gibt es immer wieder Art Brut. Das Museum begleitet Künstler über viele Jahre. In dieser Ausstellung wurde ein überdimensionales Mobile der Künstlerin Bärbel Lange platziert, daran bewegen sich Strichzeichnungen auf Filz, „Schutztiere“ nennt sie diese. Durch die Räume tönt die Kugelbahn des Klangkünstlers Manos Tsangaris. Eine Sammlung auf diese Weise zu aktivieren, setzt eine große kuratorische Aufmerksamkeit voraus – die hier bewiesen wurde. Die Ausstellung lebt von besonderen Paarungen Eine Fotoserie von Karl Hugo Schmölz zeigt Köln in der Nachkriegszeit, genauer jenen Tag 1948, als anlässlich der 700-Jahr-Feier der Dom-Grundsteinlegung eine Reliquienprozession auf den bewährten mittelalterlichen Wegen durch die zerstörte Stadt führte. Wie ein Weckruf aus der Vergangenheit hallen diese grotesken Bilder in unsere Gegenwart hinein – woran Hoffnung und Glauben knüpfen? An der gegenüberliegenden Wand hängt über Kopfhöhe eine Trikolore. Norm und Abweichung – hier stellt sich neben das Zeit- ein Körperbild. Der antike Doryphoros tritt auf. Polyklets Speerwerfer aus dem 5. Jahrhundert vor Christus steht, noch über 2500 Jahre später, für einen Typus eines männlichen Körperideals. In der Ausstellung wurde ihm eine Fotoarbeit aus dem Jahr 1998 gegenübergestellt: Duane Michals „Dr. Heisenberg’s Magic Mirror of Uncertainty“.  Ein gewölbtes Spiegelbild, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, lässt keine Vergewisserung, keine Sicherheiten des eigenen Bildes zu. Das Bild sei „wie ein Maßstab an die Wirklichkeit herangelegt“, schrieb Martin Heidegger. Abwesenheit und unwiederbringlicher Verlust sprechen auf tragische Weise aus Jannis Kounellis Rauminstallation „Tragedia civile“.  Hut und Mantel hängen auf einem hölzernen Garderobenständer, eine Öllampe brennt, verströmt Licht, Wärme, den ihr innewohnenden Geruch und das Gefühl, hier sei jemand gerade eben erst verschwunden. Der großflächig blattgoldene Hintergrund, wie man ihn aus Heiligendarstellungen kennt, klingt in den Raum – und trifft dort auf eine bemerkenswerte Sammlung kleiner Plastiken der Künstlerin Inge Schmidt, mit dem Titel „Winzlinge“. Gehalten von einer dünnen Schnur band sie eine schwarzgefärbte Zitrone auf einen Sockel und nennt es „Frucht“ oder fasst einen Zweig mit einer Schnur auf einem Stück Holz in der Arbeit „Halbrund-Spannung“. Daneben zeigt die Videoarbeit „Tai-Chi Karaoke“ der Künstler Anna Bromley und Michael Fesca den slowenischen Philosophen Slavoj Žižek, in sechsfacher Verlangsamung einen Witz erzählend. Die Verzerrung der Geschwindigkeit fragmentiert und verfremdet seine Worte und Gesten bis zur Unkenntlichkeit. Die Werke der Ausstellung binden eine Zeitspanne von über 2000 Jahren, aber jedem Ding und jeder Beziehung sind eine eigene Zeit und ein eigenes Tempo eingeschrieben. Durch diese Gegenüberstellungen treten neue unerwartete Perspektiven ans Licht. Alte und zeitgenössische, religiöse und profane Kunst sind auf engste Weise miteinander verknüpft. Der Begriff „Slow Museum“ kommt auf, trifft aber nicht ganz zu. Etwas, das von Dauer ist, muss nicht langsam sein. Es hat seine Zeit. Der Kunst den Maßstab alltäglicher Geschwindigkeiten und Reichweitenmessung anzulegen, führt ihrer Anbetracht schlichtweg ins Leere. Have you ever fallen in love w…

Quelle: FAZ ›

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