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Schaeffler in China: Der Roboter baut sich selbst

Sind humanoide Roboter die Zukunft der Industrie? Der deutsche Autozulieferer Schaeffler eröffnet in China eine Leuchtturmfabrik. Europa sei dennoch auf Augenhöhe, sagt ein Manager.

Schaeffler in China: Der Roboter baut sich selbst

Ein schmuckloses Gewerbegebiet in Taicang, der deutschesten aller Städte in China, vor den Toren Shanghais. Im Nachbargebäude werden junge Chinesen nach deutschem Vorbild zum Werkzeugmechaniker ausgebildet. Im Jahr 2001 weihten der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Zhu Rongji, einst Ministerpräsident Chinas und kürzlich verstorben, das Ausbildungszentrum ein. China wollte vom deutschen Modell der dualen Ausbildung lernen. Taicang, wo heute mehr als 500 deutsche Unternehmen ansässig sind, war der ideale Ort dafür. Ein Vierteljahrhundert später eröffnet der deutsche Autozulieferer Schaeffler hier seine auf der Welt erste Leuchtturmfabrik für humanoide Roboter. Die Fabrik verbindet unter einem Dach ein Daten- und ein Trainingszentrum sowie eine Pilotlinie, in der sechs Roboter in Menschenform Bauteile für neue humanoide Roboter fertigen. Der Konzern aus dem fränkischen Herzogenaurach nennt es schon Massenproduktion und spricht von einer „closed loop“, also einem geschlossenen Kreislauf. Der Roboter baut sich selbst. Die Kunst menschlicher Bewegungen Der Kreis schließt sich auch im Obergeschoss, als Jochen Schröder einen Rundgang durch das Trainingszentrum macht. Der Namensvetter des Ex-Kanzlers ist seit rund einem halben Jahr im Schaeffler-Vorstand für die Produktion und den Einkauf zuständig. Auf dem Rundgang präsentieren ihm die lokalen Mitarbeiter erst die typischen grünen Platinen mit zahlreichen Schaltkreisen, die mechanisch hochkomplizierten Roboterhände und die für Roboter so wichtigen Aktuatoren, also die Bauteile, die aus den Signalen Bewegungen machen. Dann geht es in das Ausbildungszentrum. Doch hier führen nicht mehr deutsche Meister chinesische Jugendliche in die deutsche Kunst des Werkzeugmechanikers ein. Stattdessen sind es nun junge Erwachsene aus China, die die Roboter die Kunst des Menschseins lehren oder zumindest die Kunst menschlicher Bewegungen. Sie sind mit Sensoren auf der Stirn und in der Hand verkabelt, die ihre humanen Bewegungen aufzeichnen. Der Roboter kopiert und verinnerlicht sie. Es hat etwas von einem Tanz, wenn sich Mensch und Maschine synchron verbeugen. Ums Tanzen indes soll es hier gerade nicht gehen. Dass Chinas humanoide Roboter Saltos und Kung-Fu können, haben sie in unzähligen Aufführungen unter Beweis gestellt. Dann wirken sie aber eher wie teure Spielzeuge und weniger wie die Zukunft der globalen Industrieproduktion. Im Gespräch mit der F.A.Z. macht Schröder deutlich, dass es ihm um die Fabriken geht. „Wir stellen gerade die ersten humanoiden Roboter ans Band. Das rechnet sich jetzt schon, gerade in einem Hochlohnland wie Deutschland. Noch sind wir aber bei einer sehr kleinen Stückzahl.“ Denn wie nützlich es überhaupt ist, Roboter in Menschenform zu bauen, ist die Gretchenfrage der gerade in China boomenden Industrie. 22.000 Geräte lieferten Unternehmen nach Zahlen des Marktforschungshauses Counterpoint Research im ersten Halbjahr aus. Die fünf größten Hersteller kamen allesamt aus China. Das Land macht mehr als 90 Prozent aller Lieferungen aus. Bisher handelt es sich aber oft noch um eine künstliche, politisch getriebene Nachfrage. Ein Drittel der ausgelieferten Roboter werden laut Counterpoint etwa auf Messen für die Unterhaltung eingesetzt, ein Viertel für die Forschung und das Sammeln von Daten, rund ein Fünftel für Dienstleistungen wie das Putzen. Nur jeder achte Roboter arbeitet tatsächlich in Fabriken, nur jeder zwanzigste in der Logistik. In den meisten Fällen dürfte es sich auch dort noch um Pilotprojekte handeln. Deshalb gibt sich Schröder kämpferisch und hält den Wettbewerb für offen. Er sehe in seinem Labor jeden Tag amerikanische, chinesische und europäische Roboter nebeneinander, sagt er in einer Medienrunde, an der außer der F.A.Z. nur chinesische Journalisten teilnehmen: „China hat noch nicht gewonnen.“ Wenn es um reale Anwendungen und nicht um das Tanzen oder Sportveranstaltungen gehe, seien die Weltregionen auf Augenhöhe. Schaeffler kriselt auch in China Die Chinesen aber legen sich ins Zeug. Humanoide Roboter sind eine der Kernbranchen des Anfang des Jahres verabschiedeten 15. Fünfjahresplans Pekings. Die Lokalregierungen umwerben die Unternehmen mit Subventionen und anderen Vergünstigen. Schaeffler erhält nach Informationen der F.A.Z. von der Regierung Taicangs einen mittleren einstelligen Millionenbetrag für das Leuchtturmprojekt. Dazu kommen Einrichtungsgegenstände und die Tatsache, dass der Konzern innerhalb von acht Monaten ein komplettes Gebäude zur Verfügung gestellt bekommt. Wie viel Schaeffler selbst in das Projekt investiert, gab der Konzern nicht bekannt. Taicang hat eine jahrzehntelange Geschichte mit deutschen Unternehmen. Der Parteisekretär der Stadt Chen Gao, der einst Englisch für den Außenhandel studiert hat, und etliche andere lokale Parteikader kommen zur Eröffnung. Mehrere Schaeffler-Vertreter loben immer wieder die enge Zusammenarbeit mit der Regierung. Taicang ist der wichtigste Standort des Konzerns in China, 8000 Mitarbeiter sind hier tätig. Doch die Krise der deutschen Autoindustrie schlägt auch hier zu. Wegen des schwachen Elektroautogeschäfts deutscher Hersteller in China musste Schaeffler gerade erst 240 Millionen Euro abschreiben. Stattdessen will der Konzern nun verstärkt mit chinesischen Autoherstellern kooperieren und mit den humanoiden Robotern reüssieren, weil viele der Bauteile die gleichen sind wie in einem Auto. 45 Kunden habe man schon, darunter chinesische Hersteller humanoider Roboter, sagt Schröder. Der Auftragseingang in dem Bereich liegt nach Konzernangaben bei rund 400 Millionen Euro. Aber wie viel davon auch zu Umsatz wird, hängt vom Erfolg der Branche ab. Und dass die Roboter so schnell eine Rettung für den Industriekonzern werden, ist fast ausgeschlossen. In der Leuchtturmfabrik arbeiten 40 Mitarbeiter, zeitnah sollen es mehr als 100 werden, sagt Schröder. Und die sechs Roboter nicht zu vergessen.

Quelle: FAZ ›

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