Deutsches Jazzfest: Ohne ideologische Beweislast
Jazzorchester und Rockgitarrist, passt das zusammen? Beim Deutschen Jazzfestival in Frankfurt kam es zu überraschenden Begegnungen und spektakulären Einzelauftritten. Dem Publikum war das mehr als recht.
Was ist denn auf einmal mit dem Jazz los? Gibt es keine ästhetischen Aufbrüche mehr, keine Grabenkämpfe zwischen Mainstream und Avantgarde? Hat kein Künstler mehr Lust auf Provokationen mit denaturierten Klängen oder Attacken auf Trommelfelle? Wo sind die Buh-Rufer? Warum werden keine Spruchbänder mehr ausgerollt, auf denen Radikales gefordert wird: „Nieder mit dem repressiven Viervierteltakt!“, „Jazzmusik für alle!“, „Mehr Jazz, weniger Grüne Soße!“. Beim Deutschen Jazzfestival Frankfurt, dem Dinosaurier unter den internationalen Veranstaltungen dieser Art, immerhin schon 73 Jahre alt, aber nie wirklich infrage gestellt, wohl immer als systemrelevant wie manche Kreditinstitute eingestuft, konnte man Erstaunliches erleben. Die Konzerte waren voll, das Publikum applaudierte frenetisch. Es gab keine Massenflucht nach den Pausen, keinen Unmut und schon gar keinen Skandal. Eigentlich muss das doch zu denken geben. Das haben die Veranstalter vom Hessischen Rundfunk wohl schon im Voraus erkannt und einen Erklärungsversuch im Programmheft abgedruckt: „In Zeiten, in denen man sich angesichts des politischen Weltgeschehens ungläubig die Augen reibt, dankbar im noch einigermaßen vernünftig erscheinenden Europa zu leben, bietet sich ein Blick auf die Jazzlandschaft usw.“ Die Kreativität der Künstler ist ungebrochen Das klingt plausibel. Die erschöpften Vernünftigen haben offenbar keine Lust mehr, sich auch noch wegen zu viel oder zu wenig Blue Notes aufzuregen. Sicherlich lassen sich aber auch andere Gründe für dieses ungetrübte Jazzvergnügen anführen: ein attraktives Programm, Professionalität der Präsentation, sachkundiges und tolerantes Publikum. Nicht zuletzt aber liegt es an der Faktur der Musik selbst. Ihre Zerreißproben aus der Kaputtspielphase des Free Jazz und populärer Fusion Music hat sie längst hinter sich. Die Spielfähigkeiten durch immer komplettere, überall angebotene Jazzausbildung haben mittlerweile zu einem hohen technischen Niveau geführt. Vor allem aber scheint die Kreativität der Künstler ungebrochen zu sein, nachdem auch die ideologische Beweislast für richtiges Komponieren von ihren Schultern genommen wurde. Selbst ein Spötter wie Frank Zappa müsste heute erstaunt feststellen, dass der Jazz nicht tot ist, nicht einmal scheintot und auch nicht schlecht riecht. Das war schon beim ungewöhnlichen Auftakt mit Christof Lauer im zum Jazzclub umfunktionierten Foyer vor dem Sendesaal des Hessischen Rundfunks so. Dieser Gigant des Tenorsaxofons benötigt keine Mitspieler, keine Effektgeräte, kein Tablet für Partituren und kein Bluetooth-Pedal zum Umblättern, um sich auf seine Odyssee durch das Labyrinth der Klangmöglichkeiten zu begeben. Ohne Netz vorgegebener Idee und ohne doppelten Boden harmonischer Strukturen entwickelt er aus dem Augenblick heraus eine phantastisch geschlossen wirkende Improvisation. Lauer beherrscht alle Register der Jazzartikulation, kennt die Klanggrenzen seines Instruments, ist überhaupt mit allen Wassern der Jazzstilistik gewaschen. Großartig an seinem Spiel aber ist, dass er nichts in unaufhörliches Sprudeln von Ideen und Raffinessen ummünzen muss. Man spürt förmlich, wie er mit dem Material ringt, sich die Klischees der Jazzphrasierung verbietet und immer weiß, was er schon gespielt hat, wie es zu dem passt, was er hinzufügen könnte, und wie sich das alles zu einer musikalisch sinnvollen Form rundet. Es war ein früher, kompromisslos innermusikalischer Höhepunkt des Festivals, freilich in seinem diskreten Klang nicht einschüchternd, eher aufmunternd auf das folgende Geschehen. Etwa auf den jungen Gitarristen Finn Heine, Träger des diesjährigen Jazzstipendiums der Stadt Frankfurt, der mit seiner Band Discovery Collective und dem Tenorsaxofonisten Darius Blair bei abgeklärt wirkenden Jazzimprovisationen zeigte, wie selbstverständlich talentierte Musiker heute mit modernen Jazzformen umzugehen wissen und durch populäre Sounds anzureichern vermögen. Dass sie bei ihrem Auftritt mit dem Projekt „Sketches of Frankfurt“ im Sendesaal des Hessischen Rundfunks dann etwas verloren wirkten, hängt wohl auch mit der Größe des kompositorischen Anspruchs zusammen. Da gelangen die Übergänge zwischen den urbanen Klangepisoden nicht reibungslos, wirkten die Sound-Tableaus allzu uniform melancholisch, fehlte im Grunde das musikalische Stehvermögen, um ein charakteristisches Städteporträt erstellen zu können, das erinnerungswürdig erscheint. Licht und Schatten lagen auch bei der Begegnung der hr-Bigband mit dem Gitarristen Ali Neander, Gründungsmitglied der Rodgau Monotones und bekennendem Jazzfan, dicht beieinander. Nichts gegen die von Rainer Tempel klug für großes Ensemble arrangierten Neander-Kompositionen und schon gar nichts gegen den Rockjazz-Groove von Neanders Gitarrensoli einerseits und den stilsicheren Antworten von Bigband-Musikern wie Oliver Leicht am Altsaxofon, dem Pianisten Sebastian Scobel oder dem Bassisten Hans Glawischnig andererseits. Aber so richtig funktionierte die Kombination Jazzorchester und Rockgitarrist dann doch nicht. Da überzeugte schon eher die Engländerin Emma Rawicz, die sich mit einem Konvolut eigener Stücke auch als anregende Arrangeurin für die wie stets phänomenal agile und hochmotivierte hr-Bigband und zugleich als kompetente Dirigentin mit eleganten Tenorsaxofonphrasen zu erkennen gab. Später trat sie noch einmal mit sensibler Begleitung auf dem Sopransaxofon als Gast des Duos von Norma Winstone mit dem jungen Pianisten Elliot Galvin auf. Die mittlerweile 85 Jahre alte Sängerin ist mit ihrer glockenreinen Intonation und einer traumhaften Phrasierung, mit ihrer warmen, bis in die tiefsten Altregionen klar artikulierten Stimme schlicht phänomenal. Das sind ohne alle Schnörkel oder Andeutungen von Showelementen Demonstrationen hoher Liedkunst und stilvoller Jazzgesang gleichermaßen, zudem noch mit dem wunderbaren Country-Song „The Streets of Dallas“ von Steve Swallow als ohrenzwinkernder Zugabe. Es war der würdige Abschluss eines großen Jazzf…
Quelle: FAZ ›
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