Ingmar Hoerr: Der Curevac-Gründer wird zum Filmhelden
Ingmar Hoerr war nah dran, mit einem Corona-Impfstoff reich und berühmt zu werden. Dann kam alles anders.
Das Leben des schwäbischen Biotech-Pioniers Ingmar Hoerr nahm im März 2020 eine Wendung, deren Dramatik man keinem Spielfilmdrehbuch durchgehen ließe: unglaubwürdig, übertrieben, überladen mit Bedeutung und Symbolik. Toll genug, dass die vom Coronavirus befallene Welt damals ihre Hoffnung ausgerechnet auf jene Moleküle richtete, an deren medizinisches Potential in den Jahren zuvor kaum jemand so unverdrossen geglaubt hatte wie Hoerr. Dass der amerikanische Präsident die Tübinger Firma Curevac, die Hoerr 1999 gegründet hatte, deshalb am liebsten in die Vereinigten Staaten geholt hätte, während die Bundesrepublik zur Abwehr dieser Avancen ihrerseits eine 300-Millionen-Euro-Beteiligung vorbereitete, verlangt schon viel Vorstellungskraft. Wie wahrscheinlich aber ist es, dass Hoerrs plötzlicher Aufstieg als Wissenschaftler und Unternehmer in dieser schicksalhaften Stunde auch noch lang gehegte familiäre Pläne zunichtemachen soll, was im Nachhinein wie der Anfang vom Ende seiner Ehe wirken muss, die vorher viele Schwierigkeiten gemeistert hatte? Der Einfall, ihn mitten in dieser aufgekratzten Konstellation auch noch eine lebensbedrohliche Hirnblutung erleiden zu lassen, ist endgültig drüber. Ganz zu schweigen von der Zumutung, dass die Ehe wenige Jahre später zerbricht, nachdem ausgerechnet die Frau des Impfstoff-Entwicklers Hoerr an Corona erkrankt ist. Welches Publikum soll all das für bare Münze nehmen? Am Mittwoch feiert diese Geschichte auf den Hofer Filmtagen ihre Leinwandpremiere. Aber nicht im Spielfilm-, sondern im Dokumentarfilmprogramm. Denn genauso ist es gewesen im März 2020 und in den darauffolgenden Jahren. Ingmar Hoerr hat offen über all das geredet, sobald seine Gesundheit es wieder erlaubte und sich die Aufregung um den Corona-Impfstoff gelegt hatte, den dann doch nicht Curevac aus Tübingen auf den Markt brachte, sondern der ewige Wettbewerber Biontech aus Mainz. Aus seinen Ambitionen, seinem Aufsteiger-Ethos, seiner Freiheitsliebe und seiner Leidenschaft fürs Segeln hatte er auch vorher schon nie ein Geheimnis gemacht. Wie enttäuscht Hoerr darüber war, dass schließlich nicht er den großen Erfolg errang, sondern die Konkurrenz, obwohl sie erst einige Jahre nach ihm den Möglichkeiten von mRNA-Impfstoffen auf die Spur gekommen war, will er sich am liebsten bis heute nicht anmerken lassen; dafür fehlt ihm allerdings das schauspielerische Talent. Hoerr ist kein Geheimniskrämer. Die Regisseure Marcus Richardt und Lillian Rosa sind ihm nun aber doch auf eine unerwartete Weise nahegekommen. Dafür haben sie ihn auf der Pritsche der Physiotherapeutin gefilmt, die den Genesenden fordert; sie waren auf dem Segelboot mit ihm, seiner Frau und den Zwillingssöhnen unterwegs, als die Familie noch intakt war; sie begleiteten Hoerr nach Indien, wo er schon seit Studentenjahren so etwas wie seine geistige Heimat sieht. Sie können reichlich Material aus der Frühzeit von Curevac und aus den Familienalben präsentieren. Dazu kommen aufwühlende Aufnahmen aus der Klinik, die Hoerr hilflos auf der Intensivstation und später bei ersten zitternden Gehversuchen zeigen. Diese Szenen sind die stärksten in dem fast 90 Minuten langen Film mit dem Titel „Die Heilung. Eine Geschichte vom Weitermachen“. Über die Träume und Ideale, auch die persönlichen Unzulänglichkeiten des heute 58 Jahre alten Helden erfahren die Zuschauer viel. Ein Wortwechsel, der in dieser Beziehung hängen bleibt: Als er seine Anteile an Curevac verkauft hatte, gründeten Hoerr und einige Mitstreiter eine Stiftung. Es müsse die größte ihrer Art in Europa werden, sagte er mit funkelndem Blick. Sie sehe das etwas anders, wandte seine damals noch mit ihm verheiratete Frau nüchtern ein, ihr komme es vor allem auf Realismus und Verlässlichkeit an. Über die Ursachen für den kommerziellen Erfolg von Biontech und den im Vergleich festzustellenden Misserfolg von Hoerrs Firma Curevac, die inzwischen inklusive ihrer Patente von den Mainzern übernommen und der Abwicklung überantwortet wurde, verrät der Film wenig. Das ist schade, weil es in Deutschland in diesem Jahrzehnt nicht viele Duelle wie dieses gegeben hat. Den Regisseuren Richardt und Rosa geht es mit ihrem Film um etwas ganz anderes: Sie zeichnen einen Charakter, an dem man sich vielschichtig abarbeiten kann; ein versöhnliches Ende inklusive. Das ist ein Verdienst, weil es in Deutschland nicht viele Gründerbiographien gibt wie diese.
Quelle: FAZ ›
Kommentare (0)
Noch keine Kommentare.