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Wirtschaft auf dem Dorf: Der ländliche Raum leistet mehr, als man denkt

Ländliche Regionen gelten als abgehängt und bleiben in der öffentlichen Debatte oft unterbelichtet. Dabei tragen Familienbetriebe und alltägliche Unternehmer vom Land erheblich zur Wirtschaftskraft Deutschlands bei.

Wirtschaft auf dem Dorf: Der ländliche Raum leistet mehr, als man denkt

Auf den ersten Blick scheint das Emsland das Provinzklischee zu bestätigen: weite Landschaften, dünne Besiedlung, viel Landwirtschaft. Auf rund 334.000 Einwohner kommen 1,7 Millionen Nutztiere – rechnerisch fünf pro Kopf. Moore, Heide und schwierige Infrastruktur brachten der niedersächsischen Region lange den Ruf als „Armenhaus“ der Republik ein. Heute ist das anders. Mit dem 1950 beschlossenen Emslandplan wurden Moore entwässert und Flächen für Äcker, Höfe und Siedlungen erschlossen; zugleich entstanden Straßen, die abgelegene Orte besser miteinander verbanden. So wurde der Ausbau von Landwirtschaft und Industrie möglich. Längst ist im Emsland die Arbeitslosigkeit niedrig, die Region gewinnt Einwohner hinzu und zahlreiche emsländische Unternehmen sind auf der ganzen Welt erfolgreich, was sich auch in Regionalrankings zeigt. Das Familienunternehmen Krone in Spelle steht exemplarisch für diesen Wandel. Aus einer kleinen Schmiede ist über die Jahrzehnte ein international tätiger Hersteller von Landtechnik und Nutzfahrzeugen gewachsen, der Milliardenumsätze erzielt und in einzelnen Segmenten zur Weltspitze zählt. In der „Wachstumsregion Ems-Achse“ bündeln Unternehmen wie Krone ihre Kräfte mit Kommunen und Institutionen, werben um Fachkräfte und verbessern die Standortbedingungen. Über viele Landkreise ließen sich ähnliche Geschichten erzählen. Dennoch hält sich das Bild einer rückständigen, abgehängten Provinz. Die Debatte über den Wirtschaftsstandort dominieren hoch bewertete Technologiekonzerne, aufstrebende Start-ups und Dax-Unternehmen. Heldengeschichten faszinieren, während alltägliche Unternehmen außerhalb der Metropolen oft unsichtbar bleiben. Darauf verweist auch Hanno Kempermann, Geschäftsführer der IW Consult. „Der ländliche Raum wird total unterschätzt“, sagt er. Etwa die Hälfte der Bevölkerung lebe auf dem Land; ebenfalls rund die Hälfte der gesamten Bruttowertschöpfung werde dort erwirtschaftet. Ländliche Regionen seien das wirtschaftliche Rückgrat Deutschlands, sagt auch Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). „Wer über Wettbewerbsfähigkeit, Transformation und Industriepolitik spricht, muss zuerst über den ländlichen Raum sprechen.“ In der politischen Agenda bilde sich diese Bedeutung bislang kaum ab. Mehr Industrie und Gewerbe auf dem Land Daten des Thünen-Instituts zeigen: Die Wirtschaftsstruktur auf dem Land unterscheidet sich deutlich von der in Städten. Ländliche Betriebe sind häufig klein oder mittelgroß; Produktions- und technische Berufe, für die oft eine Ausbildung erforderlich ist, sind stärker vertreten. Das zeigt sich auch in der Branchenstruktur: Auf dem Land arbeiten 22 Prozent der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe, doppelt so viele wie in der Stadt. Dazu zählen etwa die Metall-, Futtermittel- oder Glasindustrie. Die Landwirtschaft, die viele mit dem ländlichen Raum verbinden, stellt inzwischen nur noch gut ein Prozent der Arbeitsplätze. Auch auf dem Land ist der Dienstleistungssektor der größte Arbeitgeber. Sein Anteil an der Beschäftigung liegt mit gut 40 Prozent aber deutlich unter dem in Städten, wo er rund 60 Prozent erreicht. Vor allem wissensintensive Dienstleistungen wie Forschung und spezialisierte Beratung konzentrieren sich stärker in urbanen Räumen. Das bedeutet nicht, dass Unternehmen abseits der Metropolen weniger innovativ sind. Innovation entsteht dort oft schrittweise, etwa durch Verbesserungen in Produktion und Organisation oder durch die Zusammenarbeit mit Kunden, Lieferanten und Hochschulen. Vorteile familiengeführter Unternehmen Dass Wachstum gelingen kann, beweisen die „Hidden Champions“: Sie sind Weltmarktführer in einer Nische, außerhalb ihrer Branche aber kaum bekannt. Mit 1600 solcher Firmen beheimatet Deutschland weltweit die meisten. Gemessen an der Gesamtzahl aller deutschen Unternehmen ist das dennoch wenig. Viele Hidden Champions gingen aus kleinen Handwerksbetrieben hervor und entwickelten sich erst im Laufe der Zeit zu Weltmarktführern, sagt Susanne Schlepphorst vom Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn. Wie viele von ihnen auf dem Land sitzen, lässt sich nicht genau sagen, Schätzungen gehen von etwa 70 Prozent aus. Beispiele sind der Tunnelbohrmaschinenhersteller Herrenknecht oder die Kirchhoff-Gruppe Automotive. Viele auf dem Land ansässigen Unternehmen sind familiengeführt. „Viele Familienunternehmen denken in Generationen statt in Quartalen und fühlen sich ihrem Standort verpflichtet“, sagt DIHK-Präsident Adrian. Sie seien oft mehr als nur ein Arbeitgeber: Ausbilder, Sponsoren, Nachbarn und mitunter stiller Rückhalt der Kommune. Diese Nähe gebe es in Großstädten kaum. Im emsländischen Dorf Spelle engagiert sich Bernard Krone, Inhaber des gleichnamigen Unternehmens, ehrenamtlich etwa im Schützenverein, aber auch überregional im Netzwerk „Ems-Achse“. „Wichtig ist, dass ein Unternehmen die Lebensqualität der Region mitdenkt und sich aktiv als Teil des Gemeinwesens einbringt“, sagt er. Die Zusammenarbeit der Menschen untereinander sei oft persönlich, die Wege kurz, man kenne einander. Weniger Arbeitslosigkeit auf dem Land als in der Stadt Familienunternehmen stärken auch lokale Lieferketten und Netzwerke. Mittelständler arbeiteten häufiger mit regionalen Banken, Handwerksbetrieben und Dienstleistern zusammen. Zudem bilden sie aus und tragen mit Gewerbesteuern zur kommunalen Finanzkraft bei. Eine Studie von IW Consult, einer Tochtergesellschaft des Instituts der deutschen Wirtschaft, zeigt, dass ländliche Räume mit vielen Familienunternehmen eine geringere Arbeitslosigkeit und eine bessere Beschäftigungsentwicklung aufweisen als Kreise mit weniger Familienbetrieben. Unternehmen schaffen Ausbildungsplätze für die nächste Generation und Einkommen in wirtschaftsschwachen Regionen. Auch insgesamt ist die Arbeitslosigkeit auf dem Land niedriger als in der Stadt, obwohl es dort größere Unternehmen und oft besser bezahlte Jobs gibt. Laut Eurostat lag sie zuletzt in urbanen Gebieten bei…

Quelle: FAZ ›

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